Eugen Maier, der Bundespräsident und Griechenland

„Bundespräsident Joachim Gauck ist in Griechenland mit unerwartet massiven Forderungen nach deutschen Reparationen für Verbrechen im Zweiten Weltkrieg konfrontiert worden. Staatspräsident Karolos Papoulias verlangte bei einem gemeinsamen Auftritt mit Gauck vor der Presse am Donnerstag in Athen, Verhandlungen über Entschädigungen so schnell wie möglich zu beginnen.“ Nürtinger Zeitung, 8.3.2014

Maier

Es gab aber auch Deutsche für die sich der Bundespräsident nicht hätte entschuldigen müssen. Im Oktober 1944 schrieb der Nürtinger Eugen Maier in sein Tagebuch, eine zufällig gefundene französische Ausgabe des Werthers:

„Von der Schule in Agria bin ich Mitte September “getürmt”. An einem Sonntag, nach vier oder fünf Wochen, die ich in den Bergen bei den Partisanen verbrachte, kehrte ich wieder dahin zurück und zwar wieder als Soldat, nämlich als Partisan, allerdings noch ohne Waffen. Die Deutschen, meine frühere 2. Kompanie, hatten
diesen Stützpunkt, nachdem noch andere weggelaufen sind, aufgegeben und sich nach Volos zurückgezogen. Das sind schon sechs Kilometer. An diesem Sonntag, als wir zurückkehrten nach Agria und wo wir herzlich begrüßt wurden (manche Einwohner von dort kannten uns ja noch vom Postenstehen) wurde, kaum dass wir zwei Stunden dort waren, Alarm gegeben. Es hieß, die Deutschen machen einen Angriff auf Agria. Die Bevölkerung zog mit großen und kleinen Bündeln aus den Dörfern den Bergen zu. Wir deutschen Partisanen, die wir noch keine Waffen hatten, fuhren hinter diesen her. Dabei regnete es in Strömen. Ich verlor mich von den anderen  deutschen Kameraden und wurde von zwei griechischen Partisanen gefangen genommen.
Doch mit Hilfe von Zivilpersonen, die mich kannten und zugegen waren, als wir zwei Stunden vorher in Agria als Partisanen begrüßt wurden, konnte ich ihnen erklären, warum ich mich auf diesem Wege befand. Sie brachten mich dann in ein Dorf in den Bergen, wo ich die verlorenen Kameraden wiederfand. Es war das gleiche, in  welchem ich mitte September zum ersten Male von Partisanen willkommen geheißen wurde. Vollkommen durchnäßt stand ich in einem Verkaufsraum um zum xten Mal zu versuchen, mit den paar griechischen Wörtern, die ich und die anderen wußten, etwas von den Kriegsverhältnissen zu begreifen. Sonst war das unterhaltsam und
trug auch zum gegenseitigen Verstehen und Vertrauen bei, aber diesmal wünschte ich, dass die Leute weniger gesprächig wären und mich in einem warmen Raum meine Kleider trocknen lassen  würden.
Von der Schießerei unten in Agria war nichts mehr zu hören. Am anderen Morgen hörten wir, dass die Deutschen weit vor Agria schon aufgehalten wurden und nachdem wir gegen Mittag in die Schule zurückgekehrt waren, erfuhren wir, dass die Deutschen nach Agria wollten, um Maultiere und Wagen zu “organisieren Als sie Feuer bekamen, hätten sie schleunigst umgekehrt. Wir waren also ganz umsonst zum zweiten Male auf die Berge geflohen.
Doch lieber, so sagte ich mir, zu bald wegzulaufen, als von den deutschen Faschisten nochmal erwischt zu werden. Hat man eine Waffe, so kann man sich, wenn kein Ausweg mehr bleibt, selbst  eine Kugel durchjagen. Aber sich als ein zum Tod Verurteilter gefangen nehmen zu lassen und dann auf grausamste Weise totgeschlagen zu werden, dazu hatte ich kein Verlangen. Ach, was für ein Genuss wäre das für die Sadisten geworden. Zehn Tage blieben wir noch in der Schule in Agria und inzwischen
sind die Reste der deutschen Besetzung von Volos abgezogen und zum großen Teil auf dem Wege nach Larissa zusammengeschossen oder gefangen genommen worden.
Die Räume der Schule wurden neu gerichtet und wir zogen nach Volos. Und wieder war es ein und dasselbe Haus, wo wir uns einrichteten, in welchem ich schon einmal ein paar Nächte zugebracht hatte, um als deutscher Schütze die Munition zu bewachen. Ein Erlebnis hatte ich hier, das ich zeichnerisch in diesen Blättern festhalten will. Es handelt darum, wie ich mit einem Kameraden damals im September Zigaretten “organisierte” und wie ich zu Pfirsichen kam. Es war dies so recht typisch für den Landser und zeigt seine Erfindungsgabe. Zudem lerne ich auch dabei ein Erlebnis in Bildern zu erzählen. Das sollte eigentlich gelingen, denn fast alles ist noch wie damals auf dem Platze, auf welchem sich das abspielte und mir darum wieder ganz gegenwärtig geworden. Es ist ein mühsames Beginnen schriftliche und zeichnerische Aufzeichnungen in diesem Büchlein zu machen. Aber ich hoffe, dass zwischendurch doch einiges gelingt, an dem ich später meine Freude haben werde.“

Eugen Maier (1910 . n1976) – Künstler, Bildhauer,Maler, Stadtrat, kommunist, Widerstandskämpfer, KZler, wehrunwürdiger, Soldat im Bewährungsbataillon, Mensch udn Unbeugsamer.
HAP Grieshaber in der Eröffnungsrede zu einer retroperspektive der Werke Eugen Maiers in der Nürtinger Kreuzkirche (1971): „Manche der freunde waren im Gefängnis geschlagen und gefoltert worden. Keiner hat den anderen verraten! Maier war usner aller Vorbild. Für mich war er der einzige Held, dem ich in meinem Leben begegnet bin.“

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