Ausstellung „Starke Frauen im Städtle“

Vernissage „Starke Frauen im Städtle“

Tasso am 6. August 2014, Bischof-Moser-Haus

Rede von Peter Rauscher, Nürtingen

Liebe Freunde,

meine Damen und Herren,

herzlich willkommen zur Ausstellungseröffnung

Tasso Athanasiadis – Starke Frauen im Städtle“. Dies ist die 3. Ausstellung mit Bildern von Tasso. Die vorige Ausstellung hat thematisch den Schwerpunkt „Kneipenmilieu“.

Zunächst einmal möchte ich allen danken, die Tasso in den letzten Jahren seines Lebens begleiteten, ihn unterstützten und ihn auch zum Malen anregten. Ich möchte dies pauschal tun, um zu verhindern, dass ich jemanden nicht nennen könnte. Besonderer Dank gehört denen, die dafür sorgten, dass Tasso eine würdige Beerdigung erhielt. Beerdigt ist er auf dem Pragfriedhof. Die Traueranzeige für Tasso ist unterschrieben von Ille, Al, Michael, Veronika und Thomas.

Heidi Schmid und Adele Sperandio gehört ein besonderer Dank, denn sie haben die Bilder „gerettet“. Diese Ausstellung ist Tasso gewidmet und sie ist auch eine Benefizausstellung für das Clara-Zetkin-Waldheim.
Die Traueranzeige zu Tasso beginnt mit einem Zitat von Friedrich Hölderlin „Komm! Ins Offene, Freund“. Diese Zeile ist aus dem Gedicht „Der Gang aufs Land“ und es geht so weiter:

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute nur herunter.“ Und dieses Wenige soll heute zum Glänzen kommen.

Sprechen wir von Tasso, von Tassos Leben und von seinen Bildern. Es wäre nun leicht über Tasso den moralischen Zeigefinger zu erheben und sein Leben zu verdammen. Ich möchte einen anderen Weg gehen.

Tasso ist am 8. Mai 1947 geboren, sein Vater war Grieche, sein Mutter Deutsche. Wenn man Tasso ärgern wollte, dann musste man ihn nur mit seinem vollen griechischen Namen anreden. Auch verschwieg er seine griechische Herkunft, er sprach nicht Griechisch und er mühte sich auch nicht besonders, Kontakte zu unseren damaligen zahlreichen griechischen Freunde aufzunehmen. Er verschwieg auch, dass sein Vater das BALI am

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Hauptbahnhof betrieb. Obwohl das BALI für uns eine wichtige Zufluchtsstätte war. Wenn

man heute den heruntergekommen Bahnhof sieht, kann man kaum glauben, dass die BALI-Bar eine fast mondäne Bar mit Sesselchen und Couchtischen war. Sie war für uns aus den Vororten Stuttgarts die letzte Möglichkeit einzukehren, wenn die letzte Straßenbahn und der letzte Zug nachts abgefahren waren. Anschließend gingen wir ins BALI-Kino, dort liefen Filme mit Eddie Constantin nach dem Motto, ein Schuss fünf Tote. So überbrückten wir die Wartezeit bis gegen 4 Uhr die ersten Züge wieder fuhren. Dies verschwieg Tasso.

Und warum dies? Ich begebe mich nun auf das Feld von Vermutungen. Tasso ist 1947 geboren, sein Vater war Grieche und Tasso ist in Deutschland geboren. Wie kommt aber ein Grieche kurz nach dem Sieg über den Faschismus und am Ende des 2. Weltkriegs nach Stuttgart? In Zeiten des allgemeinen Griechenbashings ist es angebracht an die gemeinsame deutsche und griechische Geschichte zu erinnern

In Griechenland war mit Ende der deutschen Besatzung der Krieg noch nicht zu Ende, es kam zu einem heftigen Bürgerkrieg. Man geht davon aus, dass insgesamt etwa 70.000 bis 80.000 Griechen im Partisanenkrieg oder bei Vergeltungsaktionen von deutschen, italienischen und bulgarischen Truppen getötet wurden. Nun aber zurück zu meiner Frage, wie kommt ein Grieche nach Kriegsende nach Stuttgart? Es kann nur eine Antwort geben, die auch Tassos Verhalten erklärt. Der Grieche war Nazikollaborateur.

Nun haben wir viele unserer Generation unter der Nazivergangenheit unserer Väter zu leiden oder zu leiden gehabt. Bei Tasso kam aber noch ein anderes Problem dazu. Von 1967 bis 1974 herrschte in Griechenland (ein NATO-Land und mit dem Vorläufer der EU assoziiert) eine Militärjunta, die durch einen Obristenputsch ausgelöst wurde. 1967 war Tasso 18 Jahre alt und er sollte als griechischer Staatsbürger, der dazu hin noch kaum Griechisch sprach und zu Griechenland keine Bindung hatte, zum Militär in Griechenland eingezogen werden. Ich kann mich noch gut an Gespräche mit Tasso über diese Frage erinnern. Er zog die Konsequenz, die für sein späteres Leben sicherlich sehr prägend war, er ging in die Illegalität um nicht nach Griechenland ausgeliefert zu werden, er lebte

von Kneipenjobs, weder war er krankenversichert noch sonst wie abgesichert.

In dieser Zeit nächtigte er mal hier und mal dort, teilweise auch in unserem alten Vorkriegsmercedes, dessen rechte Vordertür nicht abschließbar war und der häufig am Wilhelmsplatz stand. So begann Tassos Leben abseits gesellschaftlicher Normen, ohne geordnete ärztliche Versorgung, ohne ärztliche Hilfe für sein verletztes Bein. Und so kann

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die große Politik, das Leben von Menschen prägen und beeinflussen.

Tasso jobbte in den verschiedensten Kneipen – wie schon davor – als Kellner: im Kleinamerika, im Brett, in Rogers Kiste u.a. und vor allem auch im LAB gemeinsam mit Heidi und Randolph Schmid. Gast war er im politisch-literarischen Club Voltaire. Spätere Versuche eine Kneipe zu pachten, misslangen.

Für viele von uns war es eine Überraschung, dass Tasso malte. Seine Bilder sind keine realistischen Darstellungen des Städtles und seiner Kneipen, die häufig auf Ruinen notdürftig aufgebaut wurden. So z.B. das Eger oder auch das legendäre Finkennest mit seinen großen und kleinen Schlüpfern an der Decke. Das Bohnenviertel war noch nicht aufgemotzt durch Bistros und Boutiquen. Tasso wollte wohl in erster Linie die Atmosphäre des Städtles darstellen. Das Leonhards- und das Bohnenviertel spielten ja auch in seinem Leben eine wichtige Rolle, sie waren so etwas wie nie erlebte Heimat für ihn. Seine Bilder sind kein verklärender, nostalgischer Rückblick auf vergangene scheinbar bessere Zeiten, denn auch im Städtle gab es Zuhälter und Prostitution, gab es Schlägereien.

Seine Bilder waren wohl auch sein Therapie, seine Erinnerung an sein eigenes Milieu. Sie halfen ihm über seine Verarmung und Vereinzelung wohl hinweg. Autodidaktisch malte er Akte, Kneipenmilieus, Stadtansichten, Frauen, Kneipenarchtiketur und das Nachtleben im Städtle.

In seinen Bildern sehen wir schräge Kneipengänger, vom Leben gezeichnete Menschen, und schillernde Menschen der Nacht, aber auch Stadtansichten und Strandszenen. Schwerpunktmäßig heisst die heutige Bilderauswahl „Starke Frauen im Städtle“. Und es gab diese starken Frauen trotz Prostitution und Elend. Ich meine nicht die Boxerin, die hinter mir abgebildet ist. Ich möchte nicht so vermessen sein, hier zu urteilen. Nennen möchte ich aber zwei starke Frauen, die es alleine fertig brachten, sich und ihr Umfeld zu ernähren und sich auch zu emanzipieren in einer von Männern geprägten Kneipenwelt. Nennen möchte ich Emma (Melle) Widmer aus der gleichnamigen Weinstube und Hella, die Wirtin des Egers. Diese Kneipen behielten ihren von den Wirtinnen geprägten Charakter und fielen nicht dem Rotlichmilieu anheim. So wurden diese für viele von uns zum Treffpunkt, ja gar zum Wohnzimmer. Vor allem war auch der Club Voltaire in der Leonhardstraße 8 ein solcher Treffpunkt. Kenngelernt habe ich Tasso im legendäre Jeschke, wohl bei einem Glas „Schlamper“

Bevor ich Euch bitten möchte, die Bilder zu betrachten, möchte ich noch etwas zitieren
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und hoffen, dass neben den Bildern dieses Zitat in eurer Erinnerung über Tasso bleiben wird.
Helmut Engisch schrieb einen Text mit dem Titel „Das Brett. Halbe, Hasch und Habermas“. Mit diesem Titel sind die verschiedenen Fraktionen des Bretts beschrieben. Es fehlen nur die Herren mit den goldenen Kettchen zwischen den Knopfleisten ihrer Hemden.

Als die „Halbefraktion“ ausreichend gewürfelt und gebechert hatte, diskutierte sie darüber, ob sie noch ein Bier trinken sollten oder lieber etwas essen sollte. „Bei solch entspannungsförderndem Diskurs war es kein Wunder, dass die Begeisterung für die Auseinandersetzung über neue Tendenzen der Gegenwartskunst mit der Zeit deutlich schwächelte und sich die bereits recht stimmungsvolle Runde anderen, lebensnäheren Themen zuwandte. Etwa der Frage, ob es angezeigt sei, sich nach dem Genuss von einem halben Dutzend Halben und etlichen Schnäpsen einen Teller Rindfleisch mit Soße und gekochten Kartoffeln oder eine Portion Spaghetti mit Tomatensoße einzuverleiben, oder ob solch deftige Kost den Magen nicht ungebührlich in seinem Gleichgewicht störe. Eine Frage, die meist klar zugunsten einer neuen Runde Bier entschieden wurde, worauf die erste Servierkraft des Hauses, der stets umsichtige Tasso, sich genötigt sah, seinen Verpflichtungen nachzukommen und sich ächzend von seinem Stuhl zu erheben.“

Ich wünsche euch Freude und gute Erinnerung bei der Betrachtung der Bilder von Tasso!

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7 Gedanken zu “Ausstellung „Starke Frauen im Städtle“

  1. Gerne lese ich deine Reden, Peter Rauscher, weil sie mich in Gedanken zurückführen zu den Barrikaden von 68, die Springerblockade vor der Bechtle-Druckerei, der NPD-Parteitag im Kursaal oder die Wahlkampfkundgebung von Kiesinger auf dem Stuttgarter Marktplat
    Alle Menschen, die du in deine Rede erwähnst,
    trafen sich eigentlich im Bohnenviertel von Stuttgart
    .DasBohnenviertel
    war eigentlich die Stuttgarter Altstadt
    Rosenstrasse Weberstrasse,Leonhardsplatz
    So in dem Dreh
    Es war ein altes Arbeiter und Handwerkerquartier.
    Aber im Lauf der Zeit so heruntergekommen
    Das es nur noch Puff- und
    Peep-show-Viertel war.
    die Stuttgarter Schickeria hatte es damals
    noch nicht in Besitz genommen.

    Also da gab es verschiedene Kneipen
    gab das Brett,
    wo die Joints dampften
    das Widmer,
    wo nicht jeder reinkam,
    weil es eine Türsteher gab
    der Gesichtskontrolle durchführte
    besonders dann, wenn John Cranko und
    das Stuttgarte-Ballett-Ensemble
    im Hinterzimmer Kasatschok tanzten
    Es gab das Odyssia
    Wo die lehrer der Jakobsschule abends ihren
    Metaxa tranken.
    Es gab das Schlauder, die Bierschwemme Brunnenwirt,
    Das Gustav-Siegle-Haus
    Wo legendäre Blueskonzerte veranstaltet wurden.
    Sonny Terry
    der blinde Blues-Sänger mit seinem Partner Browny Mcghee
    , Champien Jack Dupree, der Boggy-Pianist,
    Bei dem die whiskyflasche auf dem clavier mithüpfte
    aber auch wolfgang dauner
    Mit seiner energetisch spielweise
    Der cluster spielte und auch schon mal in die klaviersaiten griff
    Der Kiosk concilliante, wo man spät nachts
    gegrillten Schweinebauch gewürzt mit Rosenpaprika verputzte.

    dann das Finkennest in. der Weberstrasse
    Der Wirt hieß Arthur und kam
    Aus der Sozialsiedlung Eiernest,
    wo er 1928 als kleiner Junge
    beim KJVD das Trommeln
    in einer Schallmeienkapelle gelernt hatte.
    In der Nähe des Eiernestes
    Hatte auch die berühmte Fotografin
    Gerta taro gewohnt,
    deren Vater Gemüsehändler war

    Arthur stand hinter dem Schanktisch
    Mit schweren Lidern und
    Melancholisch violett unterlaufenen Augen
    Sog er an seiner Kippe.
    Es gab keinen Bartresen
    Nur die üblichen Brauerei-Tische
    Aber mit Tischdeckchen und Blumenvase
    Gäste waren
    Die Mädchen vom Leonhardsplatz
    Deren abgelegte Höschen und BH´die wände schmückten
    Und das war die Attraktion der Kneipe,
    Die immer gut besucht war, Handwerker, Bierfahrer,
    Maler der Galerie Hirrlinger, Dichter,
    slampoeten und Linke.
    Beinahe jeder war willkommen.
    In einer dunklen Ecke saß
    der bleiche, bärtige Dichter Esser
    Trank Obstschnaps und grübelte
    Über die Sprache der Gäste nach,
    diesen alten unnachahmliche
    Stuttgarter Unterschichts-Jargon
    wie man ihn nur noch
    Im Bohnenvierte oder am Ostendplatz
    zu hören bekam.

    Zu vorgerückter Stunde trug er
    Seine schwer verständlichen
    Gedichte vor, die er mit Kugelschreiber
    In seinen Schnellhefter gekritzelt hatte.
    Er rezitierte mit viel Gefühl
    Und Pathos die Ballade von
    den Madonnen der Nacht,
    und dem traurige Los des Mädchens
    Gudrun aus der webergasse
    der Maria Magdalena vom Leonhardsplatz
    die berühmt war für ihrem schönen Gang,
    und dann von ihrem Luden
    nach Frankfurt verschleppt worden ist
    und dort vor sehnsucht beinah verging nach
    ihrer Heimat im Bohnenviertel
    Regelmäißig zum Weinachtsfest
    Versammelte sich in Arthurs Kneipe
    die„heiligen Familie
    vom Finkennest“ im Schankraum
    um zu feiern
    ,Nutten, Knackies, Handwerker, Arbeiter
    Alle saßen um den geschmückten Lichterbaum
    Und verputzten Gänsebraten mit Rotkohl
    Dazu reichlicg Obstler und Wulle-Bier
    Danach , wenn alle gesättigt waren,
    gab arthur eine Kostprobe
    seiner Trommelkunst
    zum Besten. Die Vorstellung wurde
    Begleitet von einem Stehgeiger
    Und einer Django-Reinhard-Swing-Gitarre
    Man spielte
    Schwarze Augen, bei mir bist du schön..
    und andere Lieder.
    Es wurde getanzt und gelacht.
    Alle waren richtig Hacke
    Und die ganze Kneipe,
    die Nutten, Bierfahrer und verwaltungsangestellten
    sangen die alte schwäbische weise
    Von dem Bua mit den“ Rollen-Haaren“ (Locken)
    den man so gerne hätte,
    und dem Refrain
    „ja das wär schön“.
    Bis die Mädchen zu weinen begannen
    Und Wimperntusche zerfloss
    In schwarzen Mascarabächen
    Über rotgeschminkten Wangen
    die schrägste Katzenmusik
    aller Zeiten klang hinaus
    auf das gelbbeleuchtete Pflaster der Weberstrasse
    und die Schlüpfer an den wänden
    und Wäscheleinen
    bewegten sich leise mit
    das war das Finkennest und
    Das war das stuttgarter milieu und mittendrin
    Der linke Club Voltaire,
    ein exotischer Fremdkörper
    Im Bohnenviertel und er wurde dort
    geduldet und respektiert.
    Es war ein linker, politischer Club und
    Es wurden dort Versammlungen und
    Diskussionsrunden abgehalten
    Mit alten politischen Kämpfern
    Aus vergangenen zeiten
    Wie Fritz Lamm , der dort
    Aufrührerische Reden hielt
    Von Klassenkampf und Revolution
    Während draussen vor der Tür
    die Beamten vom Verfassungschutz
    In ihren billigen Trenchcoats
    Unauffällig auf und abgingen.

    Der club Voltaire war uns Jungs aus dem
    Stuttgarter Osten eigentlich fremd.
    Das wir uns da rein verirrten
    War eher Zufall
    Wir waren ja keine Studenten,
    hatten nicht mal Abitur,
    Wir waren einfache Jungs,
    die einfachen Jobs nachgingen,
    keine Interllektuellen oder Akademiker
    Guy Schmidt war Praktikant am Bau.
    Ich jobbte als Auslieferungsfahrer
    Wir zogen um die Häuser
    Im Bohnenviertel um uns zu amusieren
    Hinter der düsteren leonhardskirche
    Und dem Guatav-siegle-haus
    Wo schon die Mädchen standen
    Die auf Freier warteten
    Und sich im Schlauder aufwärmten
    Bei einem glas tee mit rum
    Denn es war kalt
    Und auf den strassen wenig los.
    wir
    Genehmigten uns einen
    Spieß mit scharfer Sosse und Brot
    Dazu ein Silberhals. wir
    Rauchten unsere selbstgedrehten und
    Überlegten, was wir unternehmen könnten.
    Neben uns am Tresen
    Stand ein kleiner, älterer Typ
    Und fragte uns, ob wie Interesse an Politik hätten.
    leicht angetrunken mit nikotingelben Fingern
    stellte sich als Fritz lamm vor
    und begann seine story zu erzählen
    wie er vor Hitler nach Kuba geflohen ist
    und dort gelebt hat und respektiert wurde
    er drückte uns zum Abschluß ein flyer in die Hand.
    10 Minuten später saßen wir
    in dem völlig verqualmten
    Vortragssaal des Club Voltaire in der Leonhardsstrasse
    Tranken Flaschenbier und
    pafften unsere Selbstgedrehten Schwarze Krause
    auf dem Podium saßen Lamm, Rauscher,Hoss, Grohmann
    Alles Namen verdienstvoller politischer Aktivisten
    Vietnamkrieg, Springerblockade in esslingen,
    Rote-Punktaktion, Beate Klarsfeld-Prozess usw.
    der Club war voll besetzt
    auf Stühlen und Bänken saßen
    Bundeswehr- Deserteure, junge arbeiter ,
    Lehrlingen, Schüler, die es satt hatten von ihren Chefs
    und Lehrern schikaniert zu werden,
    Trebegänger aus dem Heim in der Olgastrasse
    Jungs und Mädels, die von zuhause abgehauen waren
    Geflohen vor dem Mief der schwäb. Puppenstuben
    und den Prügeleltern,
    die Arbeitslosen. Die ihre Miete nicht mehr zahlen konnten,
    alle schrien durcheinander und
    wollten ihre Geschichte erzählen
    es war eine Atmosphäre von Wut und Rebellion
    Alle wollte sprechen und
    Sie kamen zu Wort.
    .als erster meldete sich ein lehrling,
    der erzählte mit lauter Stimme, dass
    er fristlos entlassen worden sei
    Als kündigungsgrund nannte die FIRMA
    Anstiftung zu störung des betriebfriedens
    Und aufhetzung der anderen lehrlinge
    Er bekam viel Beifall und wurde an die
    rote hilfe rechtsberatung für justizopfer verwiesen
    dann sprach die Projektgruppe Jugendkommune –
    wie organisiert man Trebegängerinnen, Stromer
    und umherschweifende Jugendliche
    danach folgte ein Referat: Was erwartet
    der griechische Widerstand von seinen deutschen Freunden
    (die Rolle der USA und der Nato
    Danach kam die Aktion zur Befreiung der Frau zu Wort
    – Die Misere der Kitas
    – Zum Schluß der Veranstaltung wurde
    – Auf eine direkte Aktion des Clubs hingewiesen.
    – Die Kiesinger-Aktion im
    September 69- es war Bundestags-Wahlkampf
    Kiesinger gegen Brand und
    Kiesinger sollte ins Stuttgart
    Eine Wahlkampfrede
    Auf dem Rathausplatz halten.
    Das war der Anlass für
    Eine Protestaktion des Club Voltair..
    Mit Plakaten und Flugblätter
    Es meldete sich eine Technikgruppe mit der
    Anleitung zur herstellung von farbeiern und einem
    Wasserglas-Rezept
    zur herstellung von unlösbarem klebstoff für Poster und plakate
    Am Samstagmorgen
    gegen 10 uhr warteten schon einige tausend
    cdu-Anhänger auf dem Rathausplatz.
    Viele kamen mit Bussen von weit her
    Aus Oberschwaben und
    Aus dem tiefen Schwarzwald
    Aber auch von der Stuttgarter
    Halbhöhenlage wo die besseren Stuttgarter Bürger wohnten
    Man sah
    gutgenährte, sauber gekämmt und rasierte
    Männer im Sonntagsstaat mit weiten Bügelfaltenhosen
    weißen Hemden und Krawatte
    Auch tirolerhüten mit den abzeichen
    Vom Schützen- und Wanderverein
    Schäferhunde waren auch dabei
    Eine trachtenkapelle in Kniebundhosen
    stimmte die bw-Hymne an
    Keiner kannte den text
    . Viele Frauen im dirndl oder Burda-Kostüm
    Mit dauerwelle und mit Blumenkörben
    Im arm,
    mit frischgewaschenen Kindern
    An der Hand – alle freudig erregt
    In erwartung des berühmten Gastes aus der Politik.
    Argwöhnisch beäugten sie uns
    Wir, die Demonstranten, die langhaarigen
    Unrasierte , die selbstfedrehte Zigaretten rauchten
    In converse turnschuhen und verwesten Lederjacken
    die linken krawallmacher, waren etwa 100
    versammelten an der Ecke
    des Spielwarenladens Kurz-
    Sie drohten uns mit ihren spazierstöcken-
    Gammler, geht doch nach drüben.
    Schauts sich euch an, die stinker
    Wascht euch zuerst mal

    Auf der Treppe vor dem Haupteingang
    des Rathauses war das Sprecherpodium aufgebaut.
    Davor ein Sicherheitszone mit Sperrgitter
    Und einer Linie von Ordner,
    alles Mitglieder einer Kampfsportschule
    Karatekämpfer,
    also Leute die Dachziegel durchschlagen konnten.
    Da trat Kiesinger ans mikrofon
    , auch in einem hellen, weiten sommeranzug
    Etwas bauchig, schlaffes, fleischiges Gesicht
    Die silberhaare flach nach hinten gekämmt

    Kiesinger begann mit seiner Rede.
    Mit dem üblichen schmonz
    Lobte Fleiß und Aufbauleistung
    Der älteren Generation
    Die uns Frieden und Wohlstand
    Ruhe und ordnung gebracht hätten
    Aber er kam dann schnell zum Punkt
    Eine kleine radikale minderheit
    der Störer und Krawallmacher der APO
    Wollte mit Gewalt
    Das Land verändern
    Den Rechtsstaat abschaffen
    Chaos und anarchie verbreiten
    Wer heute noch glaubt, diesen Leuten
    Durch beschwichtigende Reden begegnen
    Zu können, der ist ein armer Tor
    Zu diesem Zeitpunkt kamen die ersten „Nazi-Rufe
    Aus der Ecke der Linken.
    Da kam ein alter Mann aus der Tür
    des Spielwarengeschäfts Kurz und
    Hielt eine Einkaufstüte in der Hand.
    Die bis zum Rand mit Kinder-Trillerpfeifen
    Gefüllt war, die er zügig an die erstaunten
    Demonstranten verteilte.
    Die sie dann auch benützten.
    Es begann ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert.
    Trotz Lautsprecheranlage war
    Von Kiesingers Rede nichts mehr u hören.
    Nun trat die Ordner-Riege in Aktion
    Sie kesselten uns ein,
    rissen uns die Flugblätter aus den Händen
    Und kappten unsere transparente
    Und zerfetzten unsere Plakate
    Mit gezielten Karateschlägen
    auch Polizei setzte Schlagstöcke ein .
    Um die Demonstranten auseinanderzutreiben
    Guy wurde von einem Polizisten
    an den Beinen weggeschleift,
    so dass oberkörper und gesicht über
    den rauen asphalt schürfte,
    seine gesichtshaut aufplatzte und
    seine kleider zerissen.
    dafür wurde er ab im polizeiauto
    geprügelt.und erhielt eine anzeige
    wegen schwerem landfriedensbruch und
    widerstand gegen die staatsgewalt,
    die polizei drangte uns ab richtung schillerplatz
    und wir zogen die internationale singend
    zurück ins bohnenviertel und feierten im Brett
    mit viel metaxa und bier unseren sieg.

    Doch was ich eigentlich sagen wollte, da wurde das Hölderlin-wort wahr, die schwäbischer Elegie: “ dieses Wenige soll heute zum Glänzen kommen“ , die linke Mantra.

    1. Lieber Peter , zunächst einmal vielen Dank, dass du meinen „Kommentar“ ins Netz gestellt hast und sogar noch weiter verbreitet. Das habe ich eigentlich nicht erwartet, aber gut, vielen Dank. Ich habe mir daraufhin den „Kommentar “ noch einmal durchgesehen und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Viele der beschriebenen Episoden sind eigentlich viel zu milde dargestellt und werden den damaligen Ereignissen in ihrer Drastik nicht ganz gerecht. Zum Beispiel die Szene im Club, wo der Lehrling von seiner Kündigung erzählt! ich habe ganz vergessen, daß er auch davon sprach, wie er in dem Zusammenhang von seinem Lehrherrn georfeigt und geschlagen wurde. Das ZÜCHTIGUNGSRECHT für Lehrer, Lehrherrn (dir schlag ichs Kreuz ab, bist du seichst… so in dem Stil)und besonders für Heimerzieher ( in den Heimen WURDE AM BRUTALSTEN GEPRÜGELt ) wurde noch lange praktiziert. Es wurde viel geprügelt, auch Eltern, Bullen (die Razzien in Jugendcafes, Demos ect.) Lehrer und Jugendliche untereinander!!! Dann die Kiesinger-Aktion, die Schmähungen und Beschimpfungen der Kiesinger-Anhänger gegen die Demonstranten gipfelten eigentlich nicht in dem Satz: „geht doch nach drüben“, sondern mit dem Ausdruck größten Eckels wurde uns der Satz entgegengeschleudert: „beim Hitler hät mr euch alle vergast“! Ja, das war der Zeitgeist, ab ins KZ. „langhaarige Affen, sind doch alles Schwule, Strauss “ das sind doch Tiere“ war „lieber Kalter Krieger, als warmer Bruder“: Bei unseren nächtlichen Streifzügen durchs Leonhardsviertel kamen wir ja auch im Cafe Weiss oder im Liechtenstein rum, wo uns die „175iger“, wie sie genannt wurden, ihre leidvollen storys der allgegenwärtigen Homophobie erzählten. Brandt, als unehliches Kind ,wurde als Bankert bezeichnet, was bei der Masse so etwas wie ein „Hurenkind“ war Auch was sich heute kaum noch vorstellen kann, Italiener wurden Itaker oder Spagetti genannt,an den Stammtischen wurden Horrostories von Baustellen verbreitet, über Messerstechereien und Vergewaltigungen, allesamt erlogen. All das lief unter dem Motto “ Kampf gegen Schmutz und Schund“. Ich könnte endlos so weitermachen, leider ist das geschmolzener Schnee von Gestern, und die 68 Bewegung hat versäumt darüber zu schreiben, aber es gibt Traditionen, die ihre Quellen weit in der Vergangenheit haben,die unterirdisch weiterfließen und heute wieder ans Tageslicht kommen. venceremos. paul

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