Lesung zum Tag der Befreiung

 Zum 8. Mai

Jochen

Begrüßung u. Vorstellung der Referenten (nach aktuellem Stand: Gen. Rauscher u. Findeisen)

Peter

Paul Celan

Todesfug

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith

Jochen

Warum referiert die LINKE zu diesem Thema?

Zitat des Gen. Riexinger: „DIE LINKE ist die einzige Partei im Deutschen Bundestag die sich einer konsequenten Friedenspolitik verpflichtet fühlt. Auslandseinsätze der Bundeswehr lehnen wir ebenso konsequent ab, wie Rüstungsexporte deutscher Unternehmen, die ohne Rücksicht in alle Welt exportiert werden. „

Der zweite Weltkrieg war ein imperialistischer Krieg. Andere Länder mit geographischen und öko-nomischen Optionen hängten sich der faschistischen Aggression als Kollaborateure oder Gegner an (vorgeschobene Gründe: Freiheit, Gerechtigkeit, Schutz der Juden…)

Als Folge der Niederlage im ersten Weltkrieg nahm der Einfluss von Sozialdemokraten und Kom-munisten zu. Dadurch fühlte sich das deutsche Kapital in seiner Herrschaft über Resourcen und Produktionsmittel bedroht. Die deutschen Faschisten unter Adolf Hitler griffen teilweise bereits vorhandene Ressentiments (z.B. Judenhass, Antimarxismus, Antiliberalismus) auf und konstruierten daraus gefährliche Feinde für „Volk und Vaterland“. Demokratisch gewählte Parteien und Politiker

wurden durch Nationalsozialisten ersetzt. Rechtsprechung, Forschung, Kultus und Lehre hatten faschistischen Zielen zu folgen Die „öffentliche Ordnung“ geriet in die Hände von uniformierten SA-Schlägern. Die Landesverteidigung lag nicht mehr nur in den Händen der Wehrmacht sondern immer mehr in den Händen der faschistischen (Waffen) SS. Demokratisch Gewählte wurden nach dem „Führerprinzip“ Gewaltsam „gleichgeschaltet“ wurden nahezu alle Lebensbereiche hin zu einem faschistischen Staat.

Dies geschah auch mehr oder weniger erfolgreich in anderen Ländern (Italien, Kroatien, Rumänien, Östereich, Ungarn, ….) Auch dort bildeten sich parastaatliche Parteiarmeen,

die dann beim Einmarsch der Deutschen diesen anschlossen (z.b die kroatische Ustascha des Ante Pavelic oder die ukranische PON ).

Die Folgen der Machtübernahme durch die Faschisten sind bekannt. Der Krieg endete mit der totalen Niederlage Deutschlands

Peter

Bert Brecht Der Kälbermarsch

Hinter der Trommel her

Trotten die Kälber

Das Fell der Trommel

Liefern sie selber

Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossenen

Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt

Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen

Marschieren im Geist in seinen Reihen mit

Sie heben die Hände hoch

Sie zeigen sie her.

Die Hände sind blutbefleckt

Doch immer noch leer

Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossenen

Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt

Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen

Marschieren im Geist in seinen Reihen mit

Sie tragen ein Kreuz voran

Auf blutroten Flaggen

Das hat für den armen Mann

Einen großen Hacken.

Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossenen

Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt

Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen

Marschieren im Geist in seinen Reihen mit

Jochen

Opfer der Gewaltherrschaft gab es nicht nur in Deutschland und in der weiten Welt sondern immer auch in unserer nahen Umgebung – wir wollen dies an den Opfer und am Widerstand in Nürtingen darstellendabei wollen wir den Nürtinger Opfer gedenken aber auch all den Opfern und Widerständler in den württembergischen Städten und Dörfern

Die bekannten Euthanasieopfer in Nürtingen wurden 18 Menschen durch die Aktion T4 ermordet

Am 23. August 1941 wurden die sechs deutschen „Euthanasie“-Mordanstalten geschlossen, sei es wegen kirchlicher Proteste, sie es, weil z.B. aufgrund der geballten Todesanzeigen und der Beobachtungen von Zeitgenossen Ahnungen und Kenntnisse durchgesickert waren.
Dieser zentral geleiteten Euthanasie durch die „Aktion T 4“ schloss sich in der Folge die so genannte „wilde“ bzw. „weiche“ Euthanasie
an über die keine Namen vorliegen.

Peter

Ermorderte Nürtinger Juden:

Anna Frank

Josef Herrmann

Ida Schlesinger

Rosalie Wetterstein

Jochen

Selma Merbaum

Poem

Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, dass das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.

Ich möchte Leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
Und möchte kämpfen und lieben und hassen
Und möchte den Himmel mit Händen fassen
Und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
Sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann…
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
Bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und nie.

Selma Meerbaum verstarb 22jährig im KZ

Peter

Aus der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, 1985: „8. Mai war ein Tag der Befreiung“ – Rede im deutschen Bundestag

Der Völkermord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte. Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mußten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Haß. Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde? Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß Deportationszüge rollten. Die Phantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah. Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen. Als dann am Ende des Krieges die ganze unsagbare Wahrheit des Holocaust herauskam, beriefen sich allzu viele von uns darauf, nichts gewußt oder auch nur geahnt zu haben. Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.

Jochen

In Nürtingen wurden auch SINTI verfolgt

Anton Köhler ermordeten

Anton Reinhardt, überlebte als Zwanbgsarbeiter

Für Religiös Verfolgte, für Zwangssterilisierte, für Opfer, weil sie Umgang mit Zwangsarbeitern hatten, für Verfolgte wegen ihrer sexuellen Orientierung und für Opfer, weil sie als Asoziale geächtet wurden, liegen keine Zahlen für Nürtingen vor

Peter

Richard von Weizäcker:

Richard von Weizsäcker:
Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mußten. Wir gedenken der erschossenen Geiseln. Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten. Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten. Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.

Jochen

Politisch Verfolgte der Stadt Nürtingen

Ludwig Knauß

Karl Feldmaier

Rudolf Schulmeister

Hans Sontheimer

Werner Gross, 

Eugen Maier 

Karl Gerber  

Hermann Berg,

Ernst Planck

Paula Planck

Die Raidwanger „Attentäter“:

Wilhelm Bühler

Paul Fausel

Wilhelm Hau,

Heinrich Gerber

Robert Renz,

Karl Frech

Otto Höfer

Peter

Martin Niemöller

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.

Jochen

Julius von Jan, Pfarrer in Oberlenningen predigte zu Buß- und Bettag am 16. November 1938, in der Predigt bezog er sich auf Jeremia 22,29

In diesen Tagen geht durch unser Volk ein Fragen: […] Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft, wie Jeremia gerufen hat: Haltet Recht und Gerechtigkeit, errettet den Beraubten von des Frevlers Hand! Schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen, und tut niemand Gewalt, und vergießt nicht unschuldig Blut! Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht. Die aber, die in der Fürsten Häuser kommen und dort noch heilige Handlungen vollziehen können, sind Lügenprediger wie die nationalen Schwärmer zu Jeremias Zeiten und können nur „Heil“ und „Sieg“ rufen, aber nicht des Herrn Wort verkündigen. […] Wir haben die Quittung bekommen auf den großen Abfall von Gott und Christus, auf das organisierte Antichristentum. Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote missachtet, Gotteshäuser, die andern heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört. Männer, die unserem deutschen Volk treu gedient haben […], wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehörten! Mag das Unrecht auch von oben nicht zugegeben werden – das gesunde Volksempfinden fühlt es deutlich, auch wo man darüber nicht zu sprechen wagt. Und wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafen über Deutschland herbeiziehen muss. […] Gott lässt seiner nicht spotten. Was der Mensch säet, wird er auch ernten.

Am 25. November wurde Julius von Jan von SA-Männern aus dem Parteikreis Nürtingen unter Dr. Walker und HJ-Bannführer Oskar Riegraf als „Judenknecht“ beschimpft, schwer misshandelt und anschließend von der Polizei in Schutzhaft genommen. Unterstützung bei diesem Überfall erhielten sie von dem Kirchheimer SA- Standartenführer Hans Olpp und dem Kreisleiter Wahler, die einen Omnibus zur Fahrt nach Oberlennigen besorgten.

Nach Solidaritäts- und Sympathiebekundungen in Kirchheim/Teck während der Untersuchungshaft wurde er nach Stuttgart überführt, Ende März 1939 aus der Untersuchungshaft entlassen und der Gestapo überstellt. Am 13. April wurde er aus Württemberg und Hohenzollern ausgewiesen und fand mit seiner Familie Zuflucht in einem kirchlichen Heim der Bayerischen Landeskirche. Am 15. November 1939 wurde Julius von Jan von einem Sondergericht unter dem Vorsitz von Hermann Cuhors in Stuttgart zu 16 Monaten Haft verurteilt.

Peter

Otto Mörike 1897-1978; Gertrud Mörike, geb. Lörcher, 1904-1982

Mörike war Pfarrer in Kirchheim. Wirklich schlimm und gefährlich wurden die Zusammenstöße mit dem Regime dann ab 1935, besonders als Mörike bei der “Volksabstimmung” über den sog. Anschluss von Österreich im April 1938 seine Stimmverweigerung in einer schriftlichen Erklärung ausführlich begründete; ebenso – fast noch radikaler – seine Frau. “Die Auflösung von Sittlichkeit und Recht” und “die Zerstörung der Kirche und die Entchristlichung unseres Volkes” nannten Mörikes als Grund für ihre Ablehnung der Politik Hitlers.

Noch in der Wahlnacht wurde Mörike von aufgebrachten Nazis unter Führung eines SS-Manns in seinem Schlafzimmer überfallen und misshandelt und vorübergehend in ein Gestapo-Gefängnis gebracht. Nach erneuten organisierten Krawallen musste Mörike auf Weisung der Partei die Stelle in Kirchheim aufgeben und fand schließlich 1939 eine neue Pfarrei in Weissach und Flacht (Kreis Leonberg), mit Wohnsitz in Flacht.

In Flacht hatte die Familie Mörike die Gemeinden bald schützend auf ihrer Seite. Obwohl von der Gestapo ständig überwacht, konnten die Mörikes hier verfolgte Juden im Pfarrhaus verstecken; ja, Mörike wurde zu einem der Hauptverantwortlichen des württembergischen Bruderrings, der untergetauchte jüdische Flüchtlinge beherbergte oder ihnen Fluchtquartiere vermittelte. (“Verstecken” ist übrigens ungenau: Mörikes ließen ihre “harmlosen Besucher” in der Öffentlichkeit sehen, da gerade das Verheimlichen Verdacht erregt hätte.) Über die Motive des für ihn selbst und für die ganze Familie lebensgefährlichen Einsatzes hat Mörike später geschrieben: “Es war natürlich auch der Abscheu vor der gotteslästerlichen Judenvernichtungspolitik der Nazi; aber das hätte bei der Angst ums Leben, für den Fall der Aufdeckung der Verbergungsaktion, welche auch uns nicht ferne war, nicht ausgereicht, entschlossen zu handeln; sondern es waren in der Hauptsache drei Kräfte, die uns das Rechte tun ließen: 1.) Das Erste Gebot, wie es Luther auslegt: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten; 2.) der Gehorsam gegen Christi Gebot, z.B. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter; 3.) und endlich ein Wort aus dem 1. Johannesbrief 4, 18–19: Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus.”

Jochen

Zwangsarbeiter

Im Nürtinger Mühlwiesenlager bezeichnete der Wachmann Friedrich Trost während des Gedränges beim Essenfassen die „Fremdarbeiter“ als „Saurussen“ und schlug ihnen mit einem Schlagwerkzeug über die Köpfe.(5) Gerne wurden auch „Farrenschwänze“ (Ochsenziemer) verwendet. Auch Mädchen wurden hemmungslos und brutal zusammengeschlagen. Eines erschien bei der Firma Heller einmal nicht zur Arbeit und „wurde so furchtbar geschlagen, ‚dass es mehrere Tage auf einem Ohr nicht hörte (…) Das Mädchen konnte nicht mehr sitzen noch liegen.'“(6) Eine 16jährige Zwangsarbeiterin aus Russland zeichnete auf ihrer Werkbank mit Kreide einen Sowjetstern (überprüfen! schnitzte!). Sie wurde geschlagen und „deportiert“.(7)

Es gab in Nürtingen 17 Lager für 21 Betriebe

Peter

Bert Brecht, Stolz

Als der amerikanische Soldat mir erzählte

Wie die wohlgenährten deutschen Bürgertöchter

Käuflich waren für Tabak und die Kleinbürgertöchter für Schokolade

Die ausgehungerten russischen Sklavenarbeiterinnen jedoch unkäuflich

Verspürte ich Stolz


Und dies alles geschah in Nürtingen, in einer typischen schwäbischen Kleinstadt mit damals

ca. 15 000 Einwohnern.

Jochen
Jura Soyfer: Das Dachaulied

Stacheldraht, mit Tod geladen,

Ist um unsre Welt gespannt.

Drauf ein Himmel ohne Gnaden

Sendet Frost und Sonnenbrand.

Fern von uns sind alle Freuden,

Fern die Heimat und die Fraun,

Wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,

Tausende im Morgengraun.

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,

Und wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch, Kamerad,

Sei ein Mann, Kamerad,

Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Vor der Mündung der Gewehre

Leben wir bei Tag und Nacht.

Leben wird uns hier zur Lehre,

Schwerer, als wir’s je gedacht.

Keiner mehr zählt Tag‘ und Wochen,

Mancher schon die Jahre nicht.

Und so viele sind zerbrochen

Und verloren ihr Gesicht.

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,

Und wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch, Kamerad,

Sei ein Mann, Kamerad,

Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Heb den Stein und zieh den Wagen,

Keine Last sei dir zu schwer.

Der du warst in fernen Tagen,

Bist du heut schon längst nicht mehr.

Stich den Spaten in die Erde,

Grab dein Mitleid tief hinein,

Und im eignen Schweiße werde

Selber du zu Stahl und Stein.

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,

Und wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch, Kamerad,

Sei ein Mann, Kamerad,

Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Einst wird die Sirene künden:

Auf zum letzten Zählappell!

Draußen dann, wo wir uns finden,

Bist du, Kamerad, zur Stell.

Hell wird uns die Freiheit lachen,

Schaffen heißt’s mit großem Mut.

Und die Arbeit, die wir machen.

Diese Arbeit, sie wird gut.

Denn wir haben die Losung von Dachau gelernt,

Und wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch, Kamerad,

Sei ein Mann, Kamerad,

Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Peter

Mein Vater wird gesucht

Mein Vater wird gesucht,
er kommt nicht mehr nach Haus.
Sie hetzen ihn mit Hunden,
vielleicht ist er gefunden –
und kommt nicht mehr nach Haus

Oft kam zu uns SA
und fragte, wo er sei.
Wir konnten es nicht sagen,
sie haben uns geschlagen,
wir schrien nicht dabei.

Die Mutter aber weint,
wir lasen im Bericht,
der Vater sei gefangen
und hätt‘ sich aufgehangen –
das glaub‘ ich aber nicht.

Er hat uns doch gesagt,
so etwas tät‘ er nicht.
Es sagten die Genossen,
SA hätt‘ ihn erschossen –
ganz ohne ein Gericht.

Heut‘ weiß ich ganz genau,
warum sie das getan.
Wir werden doch vollenden,
was er nicht konnt‘ beenden –

und Vater geht voran!

Jochen

Eugen Maier, Nürtingen, 1910-1976, Künstler, Stadtrat, KZler, Bewährungsbataillon, Partisan in Griechenland, Auszüge aus seinem Tagebuch

Oktober 1944

Kriegsgefangene, die von Partisanen in Gefechten gefangen genommen wurden, fragten uns, wie wir darüber denken, Genossen der Feinde Deutschlands zu sein und unter Umständen auch direkte Gegner unserer früheren Kameraden bei Kämpfen.

Wir werden Überläufer genannt und nennen uns selbst so. Einen besonders guten Klang hat dieses Wort nicht. Es hat den Geschmack von Feigheit und Charakterlosigkeit mit bei sich. Dieses Wort jedoch ist für uns nicht ganz das richtige, um uns richtig zu bezeichnen und benennen. Wir gehörten schon immer auf die Gegenseite der deutschen Faschisten und kämpfen nicht gegen Deutsche, sondern gegen sinnloses und verbrecherisches Tun der

gegenwärtigen deutschen Regierung.

Peter

Bert Brecht, Die gute Tat

Die Panzergrenadiere nehmen das

Telefongebäude zum dritten Mal.

Der Mut ist ungeheuer, das Gemetzel ist riesig.

Größer

Ist der Mut dessen, der dem Befehl

Widersteht.

Jochen

Bert Brecht, Rapport von Deutschland 1934

Wir erfahren, dass in Deutschland

In den Tagen der braunen Pest

Auf dem Dach einer Maschinenfabrik plötzlich

Im Wind des Novembers eine rote Fahne flatterte

Die verfemte Fahne der Freiheit!

Mitten im grauen November, vom Himmel

Kam ein Gemisch Regen und Schnee

Aber das war der Siebente Tag der Revolution!

Und sieh, die rote Fahne!

Auf den Höfen stehen die Arbeiter

Halten die Hand über die Augen und sehen

Gegen das Eisregengestöber zum Dach hin.

Da rollen die Lastwagen an mit den Sturmtruppen

Und treiben an die Mauern, was da ein Arbeiterkleid trägt

Und binden mit Stricken die Fäuste, die da schwielig sind

Und aus den Baracken vom Verhör

Stolpern die Blutiggeprügelten

Von denen keiner den Mann genannt hat

Der auf dem Dach war.

So treiben sie weg alle, die da schweigen

Und die anderen haben schon genug.

Aber am nächsten Tag weht wieder

Die rote Fahne des Proletariats

Auf dem Dach der Maschinenfabrik. Wieder

Dröhnt durch die todstille Stadt

Der Tritt der Sturmtruppen. Auf den Höfen

Sind keine Männer mehr zu sehen. Nur Frauen

Stehen mit steinernen Gesichtern, die Hand über den Augen

Schauen sie gegen das Eisregengestöber zum Dach hin.

Und das Prügeln beginnt wieder. Im Verhör

Sagen die Frauen aus: diese Fahne

Ist ein Bettlaken, auf dem

trugen wir einen weg, der gestern gestorben ist.

Wir sind nicht schuld an dieser Farbe, die es hat.

Die ist rot von dem Blut des Ermordeten, wißt Ihr.


Peter

Bertolt Brecht

Als ich ins Exil gejagt wurde

Stand in den Zeitungen des Anstreichers

Das sei, weil ich in einem Gedicht

Den Soldaten des Weltkriegs verhöhnt hätte.

Tatsächlich habe ich im vorletzten Jahr dieses Krieges

Als das damalige Regime, um seine Niederlage hinauszuschieben

Auch die schon zu Krüppeln Geschossenen wieder ins Feuer schickte

Neben den Greisen und den Siebzehnjährigen

In einem Gedicht beschrieben, wie

Der gefallene Soldat ausgegraben wurde und

Unter der jubelnden Beteiligung der Volksbetrüger

Aussauger und Unterdrücker wieder

Zurück ins Feld eskortiert wurde. Jetzt

Wo sie einen neuen Weltkrieg vorbereiteten

Entschlossen, die Untaten des letzten noch zu übertreffen

Brachten sie Leute wie mich zuzeiten um oder verjagtensie

Als Verräter

Ihrer Anschläge.

Jochen

Erich Kästner

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
– und es ist sein Beruf etwas zu wollen –
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen?
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt’s dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut – es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

Peter

Bertolt Brecht, Erblindeter deutscher Soldat im Moskauer Lazarett

Vor Moskau, Mensch, gabst du dein Augenlicht.

O blinder Mensch, jetzt wirst du es verstehn.

Der Irreführer kriegte Moskau nicht.

Hätt er’s gekriegt, hättst du es nicht gesehn.

Jochen

Erich Kästner

Monolog eines Blinden

Alle, die vorübergehn,
gehen vorbei,
Sieht mich, weil ich blind bin, keiner stehn?
Und ich steh seit Drei …

Jetzt beginnt es noch zu regnen!
Wenn es regnet, ist der Mensch nicht gut.
Wer mir dann begegnet, tut
so, als würde er mir nicht begegnen.

Ohne Augen steh ich in der Stadt.
Und sie dröhnt, als stünde ich am Meer.
Abends lauf ich hinter einem Hunde her,
der mich an der Leine hat.

Meine Augen hatten im August
ihren zwölften Sterbetag.
Warum traf der Splitter nicht die Brust
und das Herz, das nicht mehr mag?

Ach, kein Mensch kauft handgemalte
Ansichtskarten, denn ich hab kein Glück.
Einen Groschen, Stück für Stück!
Wo ich selber sieben Pfennig zahlte.

Früher sah ich alles so wie sie:
Sonne, Blumen, Frau und Stadt.
Und wie meine Mutter ausgesehen hat,
das vergeß ich nie.

Krieg macht blind. Das seh ich an mir.
Und es regnet. Und es geht der Wind.
Ist denn keine fremde Mutter hier,
die an ihre eignen Söhne denkt?
Und kein Kind,
dem die Mutter etwas für mich schenkt?

Peter

Richard von Weizsäcker:
Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewußt zu machen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte. Können wir uns wirklich in die Lage von Angehörigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen? Wie schwer mußte es aber auch einem Bürger in Rotterdam oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterstützen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren! Der 8. Mai ist ein Tag der Befreiung

Jochen

Deutsche Massaker im Zweiten Weltkrieg

Massaker in der Abbaye d’Ardenne

von Abtnaundorf

Anogia

in den Ardeatinischen Höhlen

im Arnsberger Wald
in Ascq

wir beenden hier die Aufzählung mit dem Buchstaben A

Peter

Bert Brecht

So haben wir ihn an die Wand gestellt:
Mensch unsresgleichen, einer Mutter Sohn

Ihn umzubringen. Und damit die Welt

es wisse, machten wir ein Bild davon.

Jochen

Erich Mühsam (1878 – 1934), deutscher Schriftsteller, Anarchist und Pazifist, 1918/19 Herausgeber der Zeitschrift »Kain«, ermordet im KZ Oranienburg

Elegie im Kriege

Lieder sing ich, seit ich denke,
weil mein Herz empfindsam ist
und den Spender der Geschenke
im Genießen nicht vergißt.
Doch sie haben mich vergessen,
denen ich mein Lied beschert.
Niemand lebt auf Erden, dessen
Seele meines Sangs noch wert.
Heldentaten zu vollbringen,
ist kein Lob in dieser Zeit:
Disziplin heißt sie vollbringen,
Angst gebiert die Tapferkeit.
Liebe, die das Herz beseligt,
zupft an keiner Leier mehr.
Haß ersetzt sie. Haß befehligt.
Haß ist Heil und Pflicht und Wehr.
Niemals kehrt die Freude wieder
und das Licht, das uns umgab.
Still versinken auch die Lieder
in der Menschheit Massengrab.

Peter

Kurt Tucholsky, Der Graben

(1890 – 1935 (Freitod)

Mutter, wozu hast du deinen Sohn aufgezogen?
Hast dich zwanzig‘ Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –
das ist dann der Dank des Vaterlands.

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben -!

Jochen

Bert Brecht, Und was bekam des Soldaten Weib?

Und was bekam des Soldaten Weib

Aus der alten Hauptstadt Prag?

Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh

Das bekam sie aus der Stadt Prag.

Und was bekam des Soldaten Weib

Aus Oslo über dem Sund?

Aus Oslo bekam sie das Mützchen aus Pelz!

Hoffentlich gefällt’s, das Mützchen aus Pelz!

Das Bekam sie aus Oslo am Sund.

Und was bekam des Soldaten Weib

Aus dem reichen Amsterdam?

Aus Amsterdam bekam sie den Hut

Und er steht ihr gut, der holländische Hut

Den bekam sie aus Amsterdam.

Und was bekam des Soldaten Weib

Aus Brüssel im belgischen Land?

Aus Brüssel bekam sie die seltenen Spitzen

Ach das zu besitzen, so seltene Spitzen!

Die bekam sie aus belgischem Land.

Und was bekam des Soldaten Weib

Aus der Lichterstadt Paris?

Aus Paris bekam sie das seidene Kleid

Zu der Nachbarin Neid das seidene Kleid

Das bekam sie aus Paris.

Und was bekam des Soldaten Weib

Aus dem südlichen Bukarest?

Aus Bukarest bekam sie das Hemd

So bunt und so fremd, ein rumänisches Hemd!

Das bekam sie aus Bukarest.

Und was bekam des Soldaten Weib

Aus dem kalten Russenland?

Aus Rußland bekam sie den Witwenschleier

Zu der Totenfeier den Witwenschleier

Das bekam sie aus Russenland.

Jochen

19.4.1945:

Der Schwur von Buchenwald

Am 19. April 1945 kamen im befreiten Konzentrationslager Buchenwald 21.000 Männer und Knaben zu einer Trauerkundgebung zusammen und legten den Schwur von Buchenwald ab, der in französischer, russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache vorgetragen wurde.

Kameraden!

Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Aussenkommandos von der Nazibestie und ihrer Helfershelfer ermordeten

51.000 Gefangenen!
51.000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet – abgespitzt –
51.000 Väter, Brüder – Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren.
51.000 Mütter und
Frauen und hunderttausende Kinder klagen an!

Wir lebend gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialitäten sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen.

Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke:

Es kommt der Tag der Rache!

Heute sind wir frei!

Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen.

Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt,

F. D. Roosevelt.

Ehre seinem Andenken!

Wir Buchenwalder,

Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, – Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn

kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht –
Der
Sieg muß unser sein!

Wir führten in vielen Sprachen den gleichen, harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende.
Noch wehen Hitlerfahnen!
Noch leben die Mörder unserer Kameraden!
Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!

Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:

Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.

Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.

Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:

W I R S C H W Ö R E N !

Peter

David Luschnat
(Jahrgang 1896 / 1933 emigriert / 1945 zurückgekehrt)
Nachts im Hotel in Deutschland


Nachts, im Hotel in Deutschland, liege ich wach.
Dunkel verwehender Lärm, verworrenes Lachen,
Das die Treppen hinabwärts
Nach der Straße entfernter sich auslacht,
Flutet zurück als Schweigen
Die Treppen empor wie ein
Langsam ansteigendes Wasser
Bis an das Herz, das wartet.

Da sind die Toten alle
Unsere gemordeten Brüder,
Aufsteigend aus dem schwarzen Wasser der Nacht
Bis an das Herz, das wartet,
Das nicht vergessen kann, das niemals vergisst.

Und das Herz füllt sich mit Toten,
Aus dem schwarzen Wasser der Nacht
Langsam aufsteigenden, schweigenden,
Und wird dunkel und schwer und wartet.

Und die Toten flüstern.
Ganz leise, kaum hörbar
Flüstern die Toten ins Herz mir:
„Leben die Mörder noch,
Unsre Mörder, die uns ans Hakenkreuz schlugen,
die Hakenkreuzmörder?“

Und ich flüstre zurück,
Ganz leise, kaum hörbar:
„Ja, sie leben, sie leben noch,
Viele leben – sie lachen!“

Jochen

Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit

Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.

Peter

Und zum Schluss – Bert Brecht
Bertolt Brecht: Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY, 1946

        Frühling wurd's in deutschem Land.
        Über Asch und Trümmerwand
        Flog ein erstes Birkengrün
        Probweis, delikat und kühn.

        Als von Süden, aus den Tälern
        Herbewegte sich von Wählern
        pomphaft ein zerlumpter Zug
        Der zwei alte Tafeln trug.

        Mürbe war das Holz von Stichen
        Und die Inschrift sehr verblichen
        Und es war so etwas wie
        FREIHEIT und DEMOCRACY.

        Von den Kirchen kam Geläute.
        Kriegerwitwen, Fliegerbräute
        Waise, Zittrer, Hinkebein -
        Offnen Mauls stand's am Rain.

        Und der Blinde frug den Tauben
        Was vorbeizog in den Stauben
        Hinter einem Aufruf wie
        FREIHEIT und DEMOCRACY.

        Vornweg schritt ein Sattelkopf
        Und er sang aus vollem Kropf:
        "Allons, enfants, god save the king
        Und den Dollar, kling, kling, kling."

        Dann in Kutten Schritten zwei
        Trugen 'ne Monstranz vorbei.
        Wurd die Kutte hochgerafft
        Sah hervor ein Stiefelschaft.

        Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
        Fehlen heute ein paar Haken
        Da man mit den Zeiten lebt
        Sind die Haken überklebt.

        Drunter schritt dafür ein Pater
        Abgesandt vom Heiligen Vater
        Welcher tief beunruhigt
        Wie man weiß, nach Osten blickt.

        Dicht darauf die Nichtvergesser
        Die für ihre langen Messer
        Stampfend in geschloßnen Reihn
        Laut nach einer Freinacht schrein.

        Ihre Gönner dann, die schnellen
        Grauen Herrn von den Kartellen:
        Für die Rüstungsindustrie
        FREIHEIT und DEMOCRACY!

        Einem impotenten Hahne
        Gleichend, stolzt ein Pangermane
        Pochend auf das freie Wort.
        Es heißt Mord.

        Gleichen Tritts marschiern die Lehrer
        Machtverehrer, Hirnverheerer
        Für das Recht, die deutsche Jugend
        Zu erziehn zur Schlächtertugend.

        Folgen die Herrn Mediziner
        Menschverächter, Nazidiener
        Fordernd, daß man ihnen buche
        Kommunisten für Versuche.

        Drei Gelehrte, ernst und hager
        Planer der Vernichtungslager
        Fordern auch für die Chemie
        FREIHEIT und DEMOCRACY.

        Folgen, denn es braucht der Staat sie
        Alle die entnazten Nazi
        Die als Filzlaus in den Ritzen
        Aller hohen Ämter sitzen.

        Dort die Stürmerredakteure
        Sind besorgt, daß man sie höre
        Und jetzt nicht etwa vergesse
        Auf die Freiheit unsrer Presse.

        Einige unsrer besten Bürger
        Einst geschätzt als Judenwürger
        Jetzt geknebelt, seht ihr schreiten
        Für das Recht der Minderheiten.

        Früherer Parlamentarier
        In den Hitlerzeiten Arier
        Bietet sich als Anwalt an:
        Schafft dem Tüchtigen freie Bahn!

        Und das schwarze Marketier
        Sagt, befraget: Ich marschier
        Auf Gedeih (und auf Verderb)
        Für den freien Wettbewerb.

        Und der Richter dort: zur Hetz
        Schwenkt er frech ein alt Gesetz.
        Mit ihm von der Hitlerei
        Spricht es sich und alle frei.

        Künstler, Musiker, Dichterfürsten
        Schrei'nd nach Lorbeer und nach Würsten
        All die Guten, die geschwind
        Nun es nicht gewesen sind.

        Peitschen klatschen auf das Pflaster:
        Die SS macht es für Zaster
        Aber Freiheit braucht auch sie
        FREIHEIT und DEMOCRACY.

        Und die Hitlerfrauenschaft
        Kommt, die Röcke hochgerafft
        Fischend mit gebräunter Wade
        Nach des Erbfeinds Schokolade.

        Spitzel, Kraft-durch-Freude-Weiber
        Winterhelfer, Zeitungsschreiber
        Steuer-Spenden-Zins-Eintreiber
        Deutsches-Erbland-Einverleiber

        Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft
        Zog das durch die deutsche Landschaft
        Rülpste, kotzte, stank und schrie:
        FREIHEIT und DEMOCRACY!

        Und kam, berstend vor Gestank
        Endlich an die Isarbank
        Zu der Hauptstadt der Bewegung
        Stadt der deutschen Grabsteinlegung.

        Informiert von den Gazetten
        Hungernd zwischen den Skeletten
        Seiner Häuser stand herum
        Das verstörte Bürgertum.

        Und als der mephitische Zug
        Durch den Schutt die Tafeln trug
        Treten aus dem brauen Haus
        Schweigend sechs Gestalten aus

        Und es kommt der Zug zum Halten.
        Neigen sich die sechs Gestalten
        Und gesellen sich dem Zug
        Der die alten Tafeln trug.

        Und sie fahrn in sechs Karossen
        Alle sechs Parteigenossen
        Durch den Schutt, und alles schrie:
        FREIHEIT und DEMOCRACY!

        Knochenhand am Peitschenknauf
        Fährt die Unterdrückung auf.
        In 'nem Panzerkarr'n fährt sie
        Dem Geschenk der Industrie.

        Groß begrüßt, in rostigem Tank
        Fährt der Aussatz. Er scheint krank.
        Schämig zupft er sich im Winde
        Hoch zum Kinn die braune Binde.

        Hinter ihm fährt der Betrug
        Schwenkend einen großen Krug
        Freibier. Müßt nur, draus zu saufen
        Eure Kinder ihm verkaufen.

        Alt wie das Gebirge, doch
        Unternehmend immer noch
        Fährt die Dummheit mit im Zug
        Läßt kein Auge vom Betrug.

        Hängend überm Wagenbord
        Mit dem Arm, fährt vor der Mord.
        Wohlig räckelt sich das Vieh
        Singt: Sweet dreams of liberty.

        Zittrig noch gestrigen Schock
        Fährt der Raub dann auf im Rock
        Eines Junkers Feldmarschall
        Auf dem Schoß einen Erdball.

        Aber alle die sechs Großen
        Eingeseßnen, Gnadelosen
        Alle nun verlangen sie
        FREIHEIT und DEMOCRACY.

        Holpernd hinter den sechs Plagen
        Fährt ein riesen Totenwagen
        Drinnen liegt, man sieht's nicht recht:
        's ist ein unbekannt Geschlecht.

        Und ein Wind aus den Ruinen
        Singt die Totenmesse ihnen
        Die dereinst gesessen hatten
        Hier in Häusern. Große Ratten

        Schlüpfen aus gestürzten Gassen
        Folgend diesem Zug in Massen
        Hoch die Freiheit, piepsen sie
        FREIHEIT und DEMOCRACY!

Bertolt Brecht, 1947

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