Zur Erinnerung: Krieg dem Kriege

Denkbühne – Essays und Hintergründe
Krieg dem Kriege
aus Kontext Nr.158
Im Sommer 1914 wagten es nur wenige, gegen die allgemeine Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich anzukämpfen. Eine Hochburg der Kriegsgegner war Stuttgart, und dort die linken Sozialdemokraten. Als Sprachrohr fungierte die SPD-Parteizeitung „Schwäbische Tagwacht.“

Am Abend des 28. Juli 1914 veranstaltet die Stuttgarter SPD die machtvollsten Kundgebungen ihrer Geschichte. In den drei großen Brauereisälen der Stadt protestieren Tausende von Sozialdemokraten, meist Arbeiter, gegen den drohenden Krieg. Allein bei Dinkelacker drängen sich 4000 Teilnehmer; volles Haus auch bei Wulle und Schwabenbräu. Noch fließt nur das Bier in Strömen, noch ist der Krieg nicht erklärt, noch können die Führer der Stuttgarter Sozialdemokraten frei reden. Ihr Vorsitzender Friedrich Westmeyer: „Wir wagen es, uns dem verbrecherischen Kriegstaumel entgegenzustemmen. Wir nehmen den Kampf auf gegen Unrecht und Gewalt, gegen Dummheit und Niedertracht, und der ist wahrlich schwerer und ehrenvoller, als Leichen aufhäufen.“

Drei Tage zuvor hat die Landesversammlung in Esslingen einen Antrag der Stuttgarter Delegierten Clara Zetkin einstimmig angenommen. Sein Titel: „Das Proletariat fordert den Frieden.“ In ganz Württemberg sammeln sich Arbeiter zu Protestaktionen und Demonstrationen gegen den drohenden „Weltbrand“. Im Flugblatt der Landes-SPD dazu heißt es: „Sollen nun die Arbeitsmänner des deutschen Reichs (…) sich opfern zur Befriedigung der frivolen Profitgelüste einer Handvoll deutscher Kriegsinteressenten? Nimmermehr darf das geschehen!“

Die Kriegsfrage eint Rechte und Linke der württembergischen SPD zum ersten Mal seit Jahren. Für wenige Tage tritt der erbitterte Konflikt zwischen den unversöhnlichen Lagern in den Hintergrund. Der Streit zwischen Reformisten und radikalen Sozialisten beschäftigt sogar die Parteiführung in Berlin. Während die Reformisten sich als „königlich württembergische Sozialdemokratie“ geben, wollen die Radikalen durch Massenaktionen den Sieg des Proletariats herbeiführen. Die Rechten sind hier einfach rechter und die Linken einfach linker als anderswo. Nach der Rede des Kaisers schwenkt die SPD auf Kriegskurs um. Wilhelms Kernsätze: „Mitten im Frieden überfällt uns der Feind“ und vor allem „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ treffen wohl den Nerv der Partei – aber vor allem der Gewerkschaftsführer. Beim Verteidigungskrieg kann man das Vaterland nicht im Stich lassen, will man nicht als „vaterlandslose Gesellen“ gelten.
Stuttgart, Hochburg der sozialdemokratischen Kriegsgegner

Vergessen sind die Treueschwüre der Internationalen Sozialistenkongresse, etwa in Stuttgart 1907; dort hatten sich die sozialistischen Prteien Europas verpflichtet, „alles aufzubieten, den Ausbruch des Krieges zu verhindern.“ Am 4. August stimmt die Reichstagsfraktion der SPD geschlossen für die Kriegskredite – selbst der Linke Karl Liebknecht. Zum radikalen Kurswechsel der Partei werden gewissermaßen SPD-eigene Kriegsziele nachgeliefert: Die „russische Dampfwalze“ soll gestoppt, „Frauen und Kinder müssen vor marodierenden Kosaken“ geschützt werden und – geradezu pikant – „die russischen Genossen sollen durch den deutschen Sieg von der Knute des Zaren befreit werden“. Das hat ja dann auch geklappt, aber ganz und gar nicht im Sinne der SPD.

Die Linken in Württemberg wollen keinen „Burgfrieden“ mit den Monarchen und kämpfen weiter gegen den Krieg. Stuttgart wird im ganzen Reich bekannt als Hochburg der sozialdemokratischen Kriegsgegner. Ihr Wortführer ist der lokale SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer. Der Sohn einer Arbeiterfamilie aus Osnabrück hat Schornsteinfeger gelernt, den Beruf aber nur wenige Jahre ausgeübt. Bereits mit 25 Jahren arbeitet er als Journalist für Parteizeitungen. So kommt er 1905 – auf Empfehlung seines späteren Widersachers Wilhelm Keil – zur „Schwäbischen Tagwacht“ nach Stuttgart. Hier hat die auch schon damals berühmte Clara Zetkin eine Art marxistischen Zirkel etabliert, zu dem schon bald auch Friedrich Westmeyer gehört.

Wohnungsfragen, Organisation der Arbeiterjugend, Frauenbildung macht er zu seinen Schwerpunkten; er gilt als „geistiger Vater der Waldheimidee.“ Spottlustig, eloquent und ehrgeizig schildern Zeitgenossen den Zugereisten. Für die zahlreichen Biedermänner in der heimischen SPD war der Niedersachse vermutlich nur ein reingeschmeckter Kotzbrocken. Nach fünf Jahren wird der linke Redakteur vom rechten Landesvorstand entlassen. Doch sein Einfluss in der Stuttgarter SPD ist stetig gewachsen. 1911 gelingt es, eine „Presskommission“ zu etablieren, die soll die Tagwacht, Organ der Sozialdemokraten in Württemberg, überwachen, aber auch in Personalfragen entscheiden. Vorsitzende wird Clara Zetkin, Mitglied Friedrich Westmeyer. So übernehmen die Linken die Macht bei der „Tagwacht“.
Durchhalten mit journalistischer Guerillataktik

Die Redaktion wird stramm links besetzt: Arthur Crispien, Jacob Walcher und Edwin Hoernle stehen den Reformisten ablehnend bis feindlich gegenüber. 1912 wird Westmeyer in den württembergischen Landtag gewählt. Die SPD-Fraktion ist eine Hochburg der Rechtssozialdemokraten. Ihr Sprecher, der Ludwigsburger Abgeordnete Wilhelm Keil, auch ein Zugezogener, schwärmt geradezu für König Wilhelm.

Nach dem Kriegsausbruch haben weder König noch Landtag was zu melden. Im Deutschen Reich herrscht das Militär. Die Pressezensur wird wesentlich verschärft. Auch sonst verfügen die Militärbehörden über vielfältige Möglichkeiten, Kriegsgegner mundtot zu machen. Die Redaktion der „Schwäbischen Tagwacht“ verhält sich schlau, vermeidet den offenen Konflikt, versucht eine Art journalistischer Guerillataktik durchzuhalten; doch ist klar lesbar: Die Redakteure verachten den „Burgfrieden, verabscheuen den Krieg“.

Sie lehnen es ab, „chauvinistische Artikel“ abzudrucken und „über Nacht wie Keil und der Landesvorstand ihre Gesinnung zu wechseln.“ Und überhaupt: Sie seien nach wie vor Sozialdemokraten und als solche gemäß den Parteitagsbeschlüssen gegen den Krieg. Innerparteilich geht es deftig zur Sache: „Lump“, „Gesinnungsschwein“, „Polizeispitzel“. Zum Repertoire der Rechten gehören noch „Schreihals“ und „Krakeeler“.

Der SPD-Landesvorstand kocht vor Wut, der Vorsitzende Friedrich Fischer und seine Getreuen wollen endlich ihren „sozialpatriotischen“ Kurs bei der Parteizeitung durchsetzen. Anfang November kommt es zum „Gewaltstreich“: Der Königsfreund Wilhelm Keil wird zum Chefredakteur ernannt – ohne die „Presskommission“ zu fragen.

Die Empörung in den linken Ortsvereinen, besonders in Stuttgart, aber auch in den Industriestädten Göppingen und Esslingen, ist groß. Die Parteiführung muss aus Berlin anreisen, um den Streit zu schlichten. Vergebens. Selbst Otto Braun und Friedrich Ebert können den statutenwidrigen Handstreich des Landesvorstands nicht rückgängig machen. So kommt es bereits Ende 1914 in Württemberg faktisch zur Spaltung der Partei. Jahre vor der Trennung von linken und rechten Sozialdemokraten, von USPD und SPD, im Reich. Der Kriegsgegner Friedrich Westmeyer gibt nun eine eigene Zeitung heraus: „Der Sozialdemokrat“. Im Juni 1915 wird er aus der SPD-Fraktion im württembergischen Landtag ausgeschlossen.
Zur Strafe an die Front geschickt

Die“ Gruppe Westmeyer“ wird von der Polizei und den Militärbehörden schikaniert, wo es nur geht: Versammlungsverbote, Vorladungen, Verhaftungen. Im Frühjahr 1917 bekommen viele linke Sozialisten Stellungsbefehle. Der Kriegsgegner Johann Friedrich Westmeyer aus Stuttgart stirbt am 14. November 1917 im Alter von 44 Jahren in einem Westfrontlazarett in Rethel bei Reims an der Ruhr. Nach seinem Tod schreibt Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: „Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen.“ Etwas verspätet meldet selbst die „New York Times“ seinen Tod: „German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment.“

Westmeyer ist heute völlig vergessen. Während Hindenburg und andere Militärführer immer noch auf Straßenschildern zu finden sind, während es sein Gegenspieler in Stuttgart immerhin noch zu einem „Wilhelm-Keil-Weg“ gebracht hat, ist der Kriegsgegner nahezu unbekannt. Keine Straße, kein Platz, kein Weg, weder Staffel noch Stäffele; nicht einmal eines der Waldheime ist nach Friedrich Westmeyer benannt, obwohl er doch deren Erfinder war. Da bleibt noch etwas gutzumachen. Der 100. Jahrestag seines – vergeblichen – Kampfes wäre ein gute Gelegenheit dafür.
Von:
Wilhelm Reschl
Datum:
09.04.2014
Ausgabe:
158

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