Zur Grassdebatte – Intellektuelle melden sich

aus: http://www.hintergrund.de/201204062011/feuilleton/zeitfragen/was-auch-noch-gesagt-werden-muss.html

Intellektuelle melden sich in Hintergrund zu Wort. Kommentare zur Grass-Debatte von Moshe Zuckermann, Noam Chomsky, Domenico Losurdo, Rolf Verleger, Ekkehart Krippendorff und Norman Paech – Von REDAKTION, 6. April 2012 –

Am Mittwoch, den 4. April, veröffentlichte Günter Grass sein Gedicht „Was gesagt werden muss“. Noch am gleichen Tag setzte ein medialer Amoklauf gegen den Literaturnobelpreisträger ein. Vergessen schien Grass‘ Regierungstreue, die noch vor über zehn Jahren in seiner Unterstützung der rot-grünen Koalition bei deren Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien gipfelte, vergessen seine Nähe zu dem großen Wegbereiter des Neoliberalismus, Gerhard Schröder. Grass, einst des Kanzlers Liebling, gehätschelt von der SPD und den etablierten Medien, hatte ein Tabu gebrochen.

Plötzlich waren sich fast alle – egal welcher politischer Couleur – einig: Grass hat mit dem Text nicht nur den Bogen überspannt, er hat vielmehr ein hasserfülltes, antisemitisches Pamphlet verfasst. Kritik an Israels Politik ist unerwünscht, und wer es wagt, vor der Kriegsgefahr durch Netanjahu und Barak zu warnen, sieht sich in Deutschland einem Frontalangriff ausgesetzt. Beate Klarsfeld, Präsidentschaftskandidatin der Partei Die Linke, verstieg sich sogar zu einem Vergleich Günter Grass’ mit Hitler. Sie zitierte aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen „das internationale Finanzjudentum“ gehalten hat und erklärte, wenn man den Ausdruck „das internationale Finanzjudentum“ durch „Israel“ ersetze, „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören“. Dass mit diesem Trommelfeuer an den Haaren herbeigezogener NS-Vergleiche letztlich die Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft verhöhnt werden, ficht die moralisierenden Meinungsmacher aus Medien, Politik und Gesellschaft nicht an.

Hintergrund möchte diesem Unisono der Affirmation schwarz-gelber Außenpolitik und des „War on Terror“ die Stimmen ausgewiesener Ideologiekritiker entgegensetzen. „Was halten Sie von dem Grass-Gedicht und seiner Rezeption in Deutschland“, fragten wir namhafte Intellektuelle aus den Bereichen Wissenschaft, Politik, Literatur und Kunst. Die ersten Antworten sind eingegangen, weitere werden folgen.

MOSHE ZUCKERMANNMoshe Zuckermann

Eine gut orchestrierte Hysterie

Zum Wesen des Tabus gehört es, dass es ein Stillschweigen über etwas gebietet, was zwar gewusst oder geahnt, aber unausgesprochen bleiben muss. Das „Muss“ ist dabei einer gesellschaftlichen bzw. kulturellen Konvention geschuldet, einer Übereinkunft, der man anthropologisch oder soziologisch verschiedene Funktionen zuschreiben mag, die aber als historisch entstandene keine Absolutheit beanspruchen darf. Die Tabuübertretung ist, so besehen, der Ausbruch aus einer Konvention, der deshalb geahndet wird, weil die schiere Konvention für unantastbar erklärt worden ist. Das Problem mit dem Einhalten des Tabus beginnt indes dort, wo sich die Konvention als in partikularem Sinne interessengeleitet, mithin als im Wesen ideologisch erweist. Ein solcher Tabubruch wirkt sich als narzisstische Kränkung der Konventionsplatzhalter aus, eine aggressionsfördernde Kränkung, die sich ihrerseits dem Ärger über den – dem ideologischen Eigeninteresse der Platzhalter durch besagten Tabubruch –zugefügten Schaden verschwistert weiß.

Was hat Günter Grass gesagt, das die in Deutschland ausgebrochene Hysterie, wenn schon nicht zu begründen, so zumindest zu erklären vermöchte? Die Erwartungen können sogleich aufs Normalmaß des Diskutierbaren heruntergeschraubt werden: Nichts, was in Israel selbst nicht schon hundertfach gesagt und erörtert worden wäre. Nichts, was man im Hinblick auf Fakten bzw. aufs begründbar Mögliche lapidar infrage stellen könnte. Zwar hat man in Israel den „Erstschlag“ in der Öffentlichkeit nirgends als nuklearen diskutiert, daher auch die „Auslöschung des iranischen Volkes“ weder thematisiert noch im Blickfeld gehabt. Dass aber Szenarien möglich sind, bei denen der Einsatz von Nuklearwaffen mitgedacht werden muss, wird niemand in Abrede stellen wollen, der Mögliches nicht tabuisieren, sondern zum Ausgangspunkt von Verwirklichbarem nehmen möchte. Sollte nämlich Israels Existenz ernsthaft bedroht sein, wird man wohl zum extremsten aller Israel zur Verfügung stehenden Mittel greifen. Die Existenz Israels wird aber nicht durch die (potentielle) iranische Atombombe bedroht – es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Mullah-Staat sie gegen Israel einsetzen würde, wenn er nicht das Risiko eingehen möchte, innerhalb weniger Tage selbst in Schutt und Asche gelegt zu werden –, sondern durch die nichtnukleare Dynamik des Krieges, der nach einem nichtatomaren Präventivschlag Israels gegen den Iran folgen dürfte. Darüber haben israelische Militär- und Geheimdienstleute in den letzten Wochen mehr als genug gesagt. Gewiss ist nichts, aber ein mehrwöchiger oder -monatiger Krieg, bei dem Israel den Iran verwüstet, zugleich aber auch israelische Städte einem täglichen Beschuss durch Langstreckenraketen (welche die irakischen Scud-Raketen von 1991 wie ein Kinderspiel erscheinen lassen würden) ausgesetzt sind, dürfte für Israel in vielerlei Hinsicht kaum verkraftbar sein. Eine solche Kriegsdynamik, welche in der Tat den Einsatz israelischer Nuklearwaffen zur Folge haben könnte, wäre nicht das Resultat der realen Bedrohung Israels durch die (vorerst noch nicht existierende) iranische Atombombe, sondern das Ergebnis des von Israel initiierten konventionellen Erstschlags.

Auch dass die Atommacht Israel den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährdet, wie Grass behauptet, muss man nicht als das Resultat eines von Israel direkt und bewusst durchdachten Plans verstehen, sondern als Auswirkung einer Politik, die Israel in einem Kontext betreibt, der sich schon oft genug als bedrohlich für den Weltfrieden erwiesen hat. Dass Israel sich dabei (sehr früh schon) Nuklearwaffen zugelegt hat, kann zum einen als Abschreckungssystem gegen seine Existenzbedrohung begriffen werden – der zionistische Staat war nun einmal nicht willkommen in der Region, in der er gegründet wurde und sich erfolgreich etabliert hat –, zum anderen als gravierender Faktor in jenem Kontext, in welchem die Existenzbedrohung des Staates zum integralen Bestandteil seiner eigenen Politik, mithin seines ideologischen Selbstverständnisses heranwuchs. Denn Angelpunkt des gesamten Problems der Existenzbedrohung Israels ist nicht die von den in periodischen Gewaltausbrüchen verwendeten Waffen ausgehende Gefahr, sondern der Nahostkonflikt mit seinem Herzstück, dem historischen Territorialkonflikt von Israelis und Palästinensern. Wer nicht begreifen will, dass die Bedrohung Israels durch die Saddam Husseins und die Ahmadinedschads der Region in erster Linie durch den (noch) ungelösten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erst eigentlich möglich wird, muss sich vorhalten lassen, dass sein Gerede über die Existenzbedrohung Israels, gar über eine Israel drohende „zweite Shoah“ manipulativ-ideologischen Charakters ist. Aber genau darin übt sich die israelische Politik schon seit Jahrzehnten: Israel will den Frieden mit den Palästinensern nicht, denn dieser ist ohne Abzug aus den besetzten Gebieten nicht zu haben; es betreibt ganz gezielt und intensiv die Besiedlung palästinensischen Landes, unterjocht dabei die Bewohner und bedient sich perfidester Ideologisierung dieses Grundumstands, indem es seine eigene Nichtbereitschaft zum Frieden auf die von ihm unterdrückten und geschundenen Palästinenser projiziert. Von einer Symmetrie kann dabei nicht die Rede sein: Israel beherrscht ja das, was einzig zum Ausgangspunkt eines Friedensabkommens genommen werden kann; in Israels Hand ist es, ein solches Abkommen real voranzutreiben. Israel will dies aber nicht; den Staatsmann, der es (vielleicht) wollte, hat man mörderisch beseitigt. Die gegenwärtige Regierung Israels übt sich im Lippenbekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung, welche sie aber selbst systematisch unterminiert. Die Rhetorik des „großmäuligen“ Ahmadinedschad kommt einem Netanjahu in diesem Zusammenhang zupass: genau diese kann er gebrauchen, um durch das Hochspielen der Existenzbedrohung Israels mittels einer (nicht existierenden) iranischen Atombombe vom eigentlichen, primär durch Israel perpetuierten Kernproblem gewieft abzulenken. Vor AIPAC kann er entsprechend als Verhinderer einer „zweiten Shoah“ auftreten (und hoch bejubelt werden), aber gerade darin ist das von diesem Premier repräsentierte Israel objektiv eine Bedrohung für den Weltfrieden.

Das alles ist wohlbekannt, und wenn auch nicht allseits akzeptiert, so doch keine markerschütternde Neuigkeit im Diskurs. Was also hat „die Deutschen“ bzw. die hegemoniale Sphäre der deutschen Öffentlichkeit an Grassens Gedicht so aufgewühlt? Die Antwort darauf liegt nicht im Inhalt des Poems (auch nicht in der Tatsache, dass Grass sich dieses Genre zum Medium seiner Aussage gewählt hat), sondern schier in der Tatsache, dass er einen Tabubruch begangen hat, namentlich ausgesprochen hat, was nach vorherrschender „deutscher“ Norm unausgesprochen bleiben muss. Grass kann sich dabei noch so sehr auf eine von Goethe über Heine bis Brecht laufende Tradition des politischen Gedichts berufen – die hilft ihm nichts: Schon Heine wusste, dass er von seinem Exilland Frankreich nicht nach Deutschland zurückkehren sollte, weil er „Erschießliches“ geschrieben hatte. Das Erschießliche in Deutschland hat sich freilich seit Heines Zeiten gewandelt – und wohl auch die Exekutionskommandos: Eine Konstellation aus enthusiasmierten Israelsolidarisierern „antideutscher“ (letztlich neokonservativer) Provenienz, einer stets abrufbereiten „jüdischen Intelligenz“ (professoraler, publizistischer und offiziell-institutioneller Couleur), einer unter dem geschichtlich konnotierten Tabu keuchenden politischen Klasse, einer in diesem Punkt in der Tat „gleichgeschalteten“ deutschen Medienwelt und einer aktivistisch-durchideologisierten israelischen Botschaft bildet stets eine durch den Eklat gestählte Front, sobald ein Ausscherender etwas, und sei‘s noch so kümmerlich, an ihrer Selbstgewissheit kratzt. Sigmar Gabriel durfte keine 48 Stunden, nachdem er ein israelisches Apartheid-Regime in Hebron gewahrte, wieder kräftig zurückrudern. Dieter Graumann (und die israelische Botschaft) mochte nicht, was er da aus der SPD-Spitze vernahm. Das genügte. Die israelische Botschaft selbst kennt keine Beschränkungen: Es gehöre zur europäischen Tradition, Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmordes anzuklagen. Grass’ Gedicht also vergleichbar mit infam-horrenden, mörderische Gewalt erzeugenden Praktiken im Verlauf der jahrhundertealten jüdischen Leidensgeschichte. Es ist schon bemerkenswert, wie gerade in jüdischem (vor allem jüdisch-israelischem) Munde die historische Leiderfahrung der Juden banalisiert wird und zum Mittel niedrigster Polemik verkommt. Aber was will man schon von Israels – einer Avigdor Lieberman unterstellten – Botschaft, wenn sich „sein“ Ministerpräsident nicht entblödet, Israels Lage im Jahre 2012 mit der von Juden in Auschwitz zu vergleichen bzw. die Unterlassung des US-amerikanischen Militärangriffs auf Iran der Nichtbeschießung des Vernichtungslagers während der Shoah gleichzustellen?

Nun kann man einwenden: quod licet Iovi non licet bovi. Das stimmt aber nur, wenn man das „non licet“ nicht nur den Ochsen, die einem ideologisch nicht genehm sind, auferlegt, sondern auch jenen Ochsen, die sich anmaßen, einmal selbst Jupiter sein zu wollen. Jene in Deutschland, die sich mit einem Israel solidarisieren, das dabei ist, sich selbst zugrunde zu richten, sind nicht befreit von der Last, objektiv zu befördern, wogegen sie sich vorgeblich in ihrer Solidarität richten. Dass sie sich von ihren pro-israelischen Befindlichkeiten aus geschichtlichen Gründen nicht loslösen können, sei ihnen nachgesehen – das neuralgische Verhältnis von „Juden und Deutschen“ nach dem Holocaust wird sich nicht so schnell „kurieren“ lassen (vor allem aber sollte man sich vom Gedanken, etwas „wiedergutmachen“ zu sollen, tunlichst verabschieden). Eine ganz andere Sache ist es aber, sich die Befindlichkeit durch den Antisemitismus-Vorwurf zurecht zu ideologisieren. Man verrät stets die historischen Opfer des Antisemitismus (besonders die des deutschen eliminatorischen), wenn man diesen Begriff allzu unbeschwert in den Mund nimmt, um sich in seinem eigenen identitären Defizit besser zu positionieren. Günter Grass ist kein Antisemit (auch nicht „objektiv“ oder „sekundär“, wie es im armseligen deutschen akademischen Diskurs in den letzten Jahren zu diesem Begriff heißt). Man mag vieles an Grass aussetzen, nicht zuletzt auch eine Selbstgefälligkeit, die nicht davor zurückschreckt, von „letzter Tinte” zu reden. Aber ein Antisemit ist er nicht – es sei denn in den Augen der Broders, Graumanns, Giordanos und Wolffsohns, denen das Wohl Israels so am Herzen liegt, dass sie Israel – aus angemessener Entfernung! – emphatisch „in Schutz“ nehmen, um sich für sein Wohl umso effektiver blind machen zu können. Wer nicht zwischen Antisemitismus und berechtigter Israelkritik zu unterscheiden vermag, sollte zumindest bescheidener auftreten, wenn er selbstgewisse Verdikte ausspricht: das Jahrzehnte alte Okkupationsregime Israels (und andere Erscheinungen im israelischen Alltag, die hier unerörtert bleiben mögen) straft die schablonenhafte Larmoyanz dieser „Israel-Solidarität“ Lügen. Die in Deutschland lebende „jüdische Intelligenz“ ist die letzte, die den Anspruch erheben könnte, sich um Israel realiter Sorgen zu machen: zu sehr reagiert sie komplementär zum befindlichkeitsschwangeren Diskurs der nichtjüdischen „Deutschen“. Grass seine jugendliche SS-Vergangenheit anzulasten, ist eine Sache; eine ganz andere, ihn zum Antisemiten zu machen, um ein menschenrechtsverletzendes Israel zu verteidigen.

Günter Grass beklagt die Belieferung Israels mit einem „weiteren U-Boot“ durch Deutschland. Er erinnert sich vielleicht nicht, dass das U-Boot-Abkommen mit Israel ein Erbteil der Schadensabwicklung im 1991er-Golfkrieg ist, als „wiedergutgemacht“ werden sollte, dass „Deutsche“ Saddam Husseins Waffenindustrie mit „Gas“ beliefert hatten. Er spricht davon, dass „wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten“. Schon damals durfte man sich wundern: Zu beklagen galt es doch nicht, dass „Deutsche“ Saddam Husseins Waffenarsenale belieferten, sondern die globale Waffenindustrie (an der Israel übrigens selbst massiv beteiligt ist), die im kapitalistischen System auch vor dieser Form der Profitmache keinen Halt macht. Im Jahre 1991 konnte man sich fragen, wie der Tauschwert an in der Shoah vernichtetem jüdischen Leben für ein U-Boot verrechnet wird. Zwanzig Jahre später mag sich die Frage (wie freilich damals schon) anders stellen. Die deutsche Befindlichkeit hat sich seither nicht verändert, dafür die objektive Konstellation ihrer Manifestationen. Um dies zu ergründen, bedarf es allerdings einer Kapitalismuskritik, für die eine gestandene SPD-Gesinnung wohl kaum reicht.

Prof. Moshe Zuckermann lehrt Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Von 2000 bis 2005 leitete er dort das Institut für Deutsche Geschichte. Seine jüngsten Buchveröffentlichungen sind: Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus, Bonn 2009; „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010.

Noam Chomsky NOAM CHOMSKY

Das Hauptargument ist richtig. Vielleicht ist es für Deutschland neu, aber andernorts ist es geläufig. Sogar der ehemalige Leiter der STRATCOM – des strategischen US-Kommandos, das für Atomwaffen zuständig ist – warnte vor Jahren schon, dass Israels Nuklearwaffen „äußerst gefährlich“ seien.

Ich habe über das hinaus, was ich in dieser Sache bereits häufig geschrieben habe, nichts hinzuzufügen, und ich bezweifele, dass es in diesem besonderen deutschen Zusammenhang nützlich sein könnte.

Noam Chomsky ist Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology, er gilt als der bedeutendste amerikanische Linguist der Gegenwart. Seit den 60er-Jahren ist Chomsky darüber hinaus einer der prominentesten politischen Aktivisten seines Landes.

DOMENICO LOSURDODomenico Losurdo

Vor einiger Zeit wurde sogar Obama von den extremistischsten Zionisten als „Antisemit“ abgestempelt, weil er leise Vorbehalte über die ständig neuen Siedlungen Israels auf palästinensischem Gebiet geäußert hatte. Diese Anschuldigung musste natürlich auch Günter Grass treffen: der ideologische Terrorismus muss jede kritische Stimme hinsichtlich des Expansionismus Israels und seiner Kriegspolitik zum Schweigen bringen. Um diese Kriegspolitik zu legitimieren, müssen deren Zielscheiben dämonisiert werden: der iranische Präsident Ahmadinedschad wird als derjenige angeprangert, der den jüdischen Holocaust wiederholen möchte. In Wahrheit hat er sich darauf beschränkt, darauf hinzuweisen, dass das Israel der antipalästinensischen Apartheid schließlich wie das Südafrika der anti-schwarzen Apartheid enden werde. Tatsächlich ist die Apartheid in Südafrika hinweggefegt worden, ohne dass es zu einem Genozid der Weißen gekommen wäre. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Vorkämpfer der Abschaffung der schwarzen Sklaverei in den USA und in den europäischen Kolonien als „Weißenfresser und Mörder“ abgestempelt; ähnlich werden heute diejenigen behandelt, die es wagen, die Kolonialpolitik, die Apartheid- und Kriegspolitik zu kritisieren , die das heutige Israel kennzeichnen.

Domenico Losurdo ist ein italienischer Publizist und Professor für Philosophie an der Universität Urbino. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, die international große Beachtung fanden, darunter die aufsehenerregende Biografie Nietzsche, der aristokratische Rebell (2009), Kampf um die Geschichte (2007), Demokratie oder Bonapartismus (2008), Freiheit als Privileg – Eine Gegengeschichte des Liberalismus (2010).

Rolf VerlegerROLF VERLEGER

Die meisten der veröffentlichen Stellungnahmen auf Günter Grass kritisieren ihn heftig. Bei den jüdischen Stimmen, die das tun, frage ich mich allerdings: Soll das ein jüdischer Standpunkt sein?

„Was dir verhasst ist, tu deinem Nächsten nicht an! Das ist die ganze Torah, der Rest ist Erläuterung“, lehrte Hillel (ca. 30 v. bis 9 n. Chr.), Begründer des einflussreichsten jüdischen Lehrhauses. Wenden wir dies an: Irans Präsident Ahmadinedschad fordert, das zionistische Regime Israel solle von der Landkarte verschwinden. Das ist nicht freundlich. Aber Israel fordert schon seit langem einen „Regimewechsel“ im Iran. Tut es damit dem Iran nicht genau das an, was ihm selbst verhasst ist? Ebenso: Iran möchte vielleicht die Atombombe. Aber Israel hat sie längst schon selbst. Mit welchem Recht kann es sie dem Iran verbieten?

Sowohl die USA als auch Israel vertreten hier kurzsichtig ihre Interessen, und die EU spielt leider mit. Die USA wollen im ölreichen Nahen Osten nur wohlgesinnte Regimes – und sie möchten den Fehler wettmachen, dass sie mit ihrem Irak-Krieg dem Iran mehr Einfluss verschafften. Aber was ist am Iran schlechter als an Pakistan oder Saudi-Arabien? Hat der Iran kein Recht auf ökonomische und politische Entfaltung? Ahmadinedschads Rechtfertigung für seine verbalen Ausfälle ist die schwärende Wunde des Unrechts Israels: 1948 Vertreibung der Palästinenser, ihre Enteignung und gewaltsame Verhinderung ihrer Rückkehr, heute ihre Diskriminierung in Israel, ihre Rechtlosigkeit in der Westbank, ihre Einkesselung in Gaza. Israel möchte von diesem Unrecht nicht reden und setzt sich stattdessen als Opfer einer hypothetischen künftigen iranischen Atombombe in Szene. Ist dieser Themenwechsel nicht sehr willkommen?

„Du sollst nicht morden“, wurde uns geboten. Denn Gewalt ist niemals eine Lösung. Wenn man den israelischen Rechtsnationalisten und Grass‘ Kritikern zuhört, könnte man meinen, die Bösen seien immer die anderen. Ist es aber nicht vielmehr unsere Aufgabe, unseren eigenen Anteil zu erkennen und zu ändern?

Prof. Dr. Rolf Verleger ist Autor des Buches „Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht“ (2010) und Mitglied der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost.

 

EKKEHART KRIPPENDORFFEkkehart Krippendorf

Was gesagt werden muss, war bereits gesagt worden

Lassen wir es dahingestellt sein, warum Günter Grass die wenige Tage zuvor im Freitag und danach in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte ebenso unzweideutige wie analytisch differenzierte „Erklärung aus der Friedensbewegung und Friedensforschung“ zum Irankonflikt nicht mit unterzeichnet hat: Seine Stimme hätte ihr mehr Gewicht und Resonanz gegeben und ihn davor bewahrt, jetzt Erläuterungen und Interpretationen nachschieben zu müssen. Aber so funktioniert nun einmal die Medienöffentlichkeit. Die Stimmen von fünfzig ausgewiesenen und seit Jahrzehnten friedenspolitisch engagierten kenntnisreichen Intellektuellen zur dramatisch aktuellen und furchterregenden Zuspitzung der atomaren Kriegsgefahr im Mittleren Osten können nur durch eine selbstbezahlte Anzeige im Kleindruck-Fornat verzweifelt-vergeblich versuchen, sich für ihren Tabubruch Gehör zu verschaffen, während eine eher grobgestrickte, wenn auch im Wesentlichen richtige und wichtige Meinungsäußerung von Günter Grass die Meinungswellen mit gespielter Empörung selbstgerechter Kritik der Kritik hochschlagen lässt.

Worin besteht der anscheinende Tabubruch, den Grass mit seiner offensiven Thematisierung der israelischen Atomwaffen begangen hat? Er hätte, wie es die zitierte Erklärung der Friedensforscher konstruktiv tut, die Bundesregierung darauf drängen sollen, „die von der UNO beschlossene Konferenz für eine massenvernichtungswaffenfreie Zone im Mittleren und Nahen Osten, die 2012 beginnen soll und die bisher in der Öffentlichkeit ignoriert wird, aktiv voranzutreiben. Was hat Günter Grass gesagt, das so „alterstöricht“ (Charlotte Knobloch), „unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen“ (Dieter Graumann) ist, ur-antisemitisch wie die mittelalterliche Behauptung vom Ritualmord, und der jüdische Staat wolle „das iranische Volk auslöschen“ (der israelische Gesandte in Berlin, Emmanuel Nahshon)? Grass hat nicht viel mehr gesagt, als was die Friedensforschung in den dunklen Jahren des Kalten Krieges nicht müde wurde der Öffentlichkeit einzuschärfen, dass ein atomarer „Schlagabtausch“ (ob Erstschlag oder nicht) zu einer Totalvernichtung von Städten, Landschaften und Staaten führen könne und sehr wahrscheinlich auch werde: Trotzdem werde, so der zynische Theoretiker und Praktiker der Diplomatie des Kalten Krieges, Henry Kissinger, wenigstens ein kleiner Teil der Zivilisation einen atomaren Krieg überleben.

Die heutigen atomaren Sprengköpfe, über die nicht nur die anerkannten Nuklearmächte verfügen, sondern sehr wahrscheinlich auch der Staat Israel, haben eine vielfache Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe. Niemand weiß, mit welchen Waffen das israelische Militär den offen angekündigten Präventivschlag gegen die iranischen atomaren Anlagen führen will. Alles spricht dafür, dass es sich um atomare Waffen handeln würde. Die israelischen Techniker können sehr wahrscheinlich auch nicht mit Sicherheit die “Kollateral-Vernichtungsschäden“ ihrer Waffen berechnen – einschließlich dessen, was an Strahlungspotential zerstörter Nuklearanlagen freigesetzt würde (Fukushima wäre dazu ein kleines Vorspiel) – weshalb einige führende israelische Militärs und hochrangige Geheimdienstleute einen Präventivangriff, abgesehen von den unvorhersehbaren überregionalen politischen Konsequenzen, für eine Katastrophe halten und dringend davon abraten. Günter Grass hat darum völlig recht mit seiner dramatischen Warnung vor der Möglichkeit, dass ein solcher Angriff „das iranische Volk auslöschen könnte“ – nicht als strategisches Ziel israelischer Politik, wie bösartige oder lesensunfähige Kritiker ihm unterstellen, sondern als dessen mögliche Konsequenz für die Bevölkerung großer Landesteile.

Man muss mit dem pathologischen Potential der politischen Protagonisten – sei es die iranische, sei es die israelische Seite – rechnen, wofür die Geschichte genügend Beispiele bietet. Insbesondere gilt die historische Regel, dass es so gut wie keinen Angriffskrieg gibt, der sich so entwickelt und abgespielt hat, wie das jeweilige staatliche und militärische Führungspersonal ihn berechnet hatte: Es kam immer anders und schlimmer. Dazu können wir in die Geschichte zurückgehen – zum Beispiel zu den Kriegen des derzeit zu Unrecht gefeierten Friedich II., dem sogenannten Großen – oder uns in der Gegenwart umschauen: Vietnam, Somalia, Afghanistan, Irak, lauter militärische Fehlberechnungen.

Hinzu kommt aber noch eine Dimension jenes Konfliktpotentials, das Grass nur sehr vorsichtig andeutet und eigentlich hätte aussprechen müssen. Seit Jahren gehört es zur außenpolitischen Rhetorik von Bundesregierung und Parlament wenn von Israel die Rede ist, diesen Staat als ‚Teil der deutschen Staatsräson’ zu bezeichnen. Was diese altmodische außenpolitische Vokabel aus dem 16. und 17. Jahrhundert heute konkret und für die Bundesrepublik bedeutet, wird nie ausbuchstabiert. Wenn sie aber etwas bedeuten soll, dann wohl dieses, dass die deutsche Politik sich mitverantwortlich fühlt für die staatliche Existenz Israels. Dafür gibt es genügend gute und legitime Gründe historischer und moralischer Natur. Nur darf das für die Staatsräson keine Einbahnstraße sein: Als „Schutzmacht“ übernimmt der bundesrepublikanische Staat eine gewisse Teilverantwortung für die Politik ihres Schützlings. Dazu gehört aber dann auch zwingend eine (wie auch immer zu bemessende) Mitsprache bei der Art und Weise wie der beschützte Staat seine Sicherheit gestaltet. Wenn die „Schutzmacht“ die praktische und taktische Politik ihres Schützlings stillschweigend oder explizit nicht zuletzt materiell unterstützt – und hier wäre pars pro toto aktuell das von Grass zitierte deutsche U-Boot zu nennen – dann wird sie auch mitverantwortlich für diese Politik, also im gegebenen Fall für einen israelischen Angriff auf die Atomanlagen des Iran. Die Bundesrepublik Deutschland würde damit zur Kriegspartei. Und da wissen wir nicht, ob es nur „Maulheldentum“ des iranischen Präsidenten oder ernst gemeint ist, wenn dieser androht, die Verteidigung seiner iranischen „Staatsräson“ auch auf die Bündnispartner Israels auszudehnen. Dann kann Deutschland Ziel iranischer atomarer Vergeltung werden (in einem solchen Extremszenario der machtpolitischen Pathologien wird auf einmal alles möglich) und wir als Europäer oder Deutsche „sind als Überlebende allenfalls Fußnoten.“ Da wir von partiell Verrückten regiert werden, von denen es in Israel genauso viele gibt wie in Iran (nur dass sie in Israel – noch – nicht staatliche Positionen innehaben), sind solche alptraumhaften Spekulationen nicht von der Hand zu weisen. Das muss gesagt werden.

Und es wird auch gesagt werden müssen – und die selbsternannten Sprecher israelischer Politik in Deutschland, die sich mit ihrer blinden Reaktion auf Grass’ Mahnruf wieder einmal unrühmlich hervorgetan haben, haben offensichtlich nicht den Mut diese Wahrheit auszusprechen: Dass nämlich der Schlüssel zur Entschärfung der explosiven Lage im Mittleren Osten in konkreten Schritten zur mühsamen Lösung der Palästina-Problematik liegt, an der die gegenwärtige Regierung kein ernsthaftes Interesse hat, indem sie mit ihrer systematischen Siedler- und Vertreibungspolitik jeden Tag neue Barrieren gegen das Volk errichtet, mit dem sie angeblich in Frieden leben will. Müsste es nicht den bedingungs- und kritiklosen Verteidigern israelischer Staatsräson zu denken geben, dass Israel inzwischen der einzige Staat in der Region ist, der die demokratisch-revolutionäre Entmachtung der arabischen Diktaturen nicht begrüßte? Daniel Barenboim, einer der leidenschaftlich engagiertesten Aktivisten einer israelisch-palästinensischen und, darüber hinaus, -arabischen Versöhnung bemerkte einmal mit bitterem Realismus: Der israelischen Politik sei es gelungen, das weit verbreitete Vorurteil zu widerlegen, dass Juden mit besonderer Intelligenz begabt seien.

Prof. Ekkehart Krippendorff ist Politikwissenschaftler, er lehrte an verschiedenen Universitäten.  Zuletzt und bis zu seiner Emeritierung war Krippendorff Professor für Politikwissenschaft und Politik Nordamerikas am John F. Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Krippendorff gilt als einer der Pioniere der Friedensforschung.

Norman PaechNORMAN PAECH

Danke Günter Grass!

Endlich gibt es eine Stimme, die das zur Provokation und zum Skandal erheben kann, was seit Jahren bekannt ist aber weitgehend verschwiegen wird. Ich meine nicht nur das Schweigen der Medien, in  denen der Tatbestand zwar mitunter erwähnt, aber letztlich akzeptiert wurde. Es geht um die Politik, die allein die Gefährdung des „brüchigen Weltfriedens“ (G. Grass) abwenden könnte. Sie unternimmt dagegen nichts, sie treibt die Gefahr sogar voran mit der Lieferung von U-Booten, deren „Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist“ (G. Grass).

Das ist unmissverständlich und klar, emphatisch in der Form eines Gedichtes, das sich zwar nicht reimt, aber den Aufschrei eines Schriftstellers, der sein langes Schweigen gegen die Heuchelei zunehmend als Lüge nicht mehr ertragen kann, umso glaubhafter macht. Eine Atommacht, die fast täglich Kriegsdrohungen gegen einen Nachbarstaat ausstößt, sodass nicht mehr darüber diskutiert wird, ob, sondern nur noch darüber, wann der Angriff erfolgt, ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Auch die Leugnung des Holocaust, die Zweifel an der Beteuerung, Atomkraft nur für zivile Zwecke einsetzen zu wollen, und die Angst vor einer feindlich gesinnten Regierung geben keine Rechtfertigung für die Drohung mit einem Angriff. Denn Teheran hat nie mit einem Krieg gegen Israel gedroht. Wer aber in dieser Situation noch Trägersysteme für den Abschuss der Atomsprengköpfe liefert, kann seine  „Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden tilgen“, wenn es zu ihrem Einsatz kommt. Was ist empörender, der Tatbestand oder seine klare Benennung, die Warnung?

Für die Meute des  Feuilletons und die aufgebrachten Chargen der Politik ist es die Warnung des Autors und nicht die Kriegsdrohung des Staates. Wäre es nicht Israel, wäre alle Welt alarmiert. Sie greifen zum Schraubenzieher (G. Schirrmacher, FAZ), um Gedicht und Autor soweit auseinanderzunehmen und zu zerlegen, bis die Botschaft verschwimmt und nur noch ein „Machwerk des Ressentiments, literarisch ohne Wert“ und ein „alter egozentrischer und pathetischer Mann“ übrig bleiben. Getroffene Hunde bellen. Die ganzen Kübel von Unflat, Dreck, Hass und Ressentiments, die dieses Heer „mietbarer Zwerge“ (B. Brecht) über Günter Grass ausschüttet, lassen bei mir nur eine Reihe unangenehmer Eindrücke zurück: Neid über die Resonanz, die dieser Autor wieder einmal mobilisieren konnte. Hass gegenüber einem Autor, den man noch nie leiden konnte, literarisch wie politisch. Ablenkung von einem Tatbestand, weil man gegen ihn kaum argumentieren kann. Empörung über den Angriff auf ein Tabu, das man immer umschlichen und vermieden hat. Und hoffentlich auch Betroffenheit über das eigene lange Schweigen, dessen Berechtigung jetzt so eindeutig widerlegt worden ist.

Günter Grass ist seinem Protest gegen Atomwaffen, den er 1983 vor Mutlangen öffentlich gemacht hat, treu geblieben und hat ihn mit diesem Gedicht noch einmal verstärkt. Spät aber hoffentlich nicht zu spät – und dafür müssen wir ihm danken.

Prof. Norman Paech war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 Hochschullehrer für Öffentliches Recht an der Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac und als Politiker in der Partei Die Linke aktiv.

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