„Experten aus der Arbeitswelt“ im Unterricht

taz 30.03.2012

WIRTSCHAFT Eine Marketingkette, die übers Kaufen aufklärt, ein Versicherungskonzern, der Schülern private Altersvorsorge nahebringt: Unternehmen drängen mit eigenen Arbeitsmaterialien und Trainern in die Schulen. Verbraucherschützer schlagen AlarmVON ANNA LEHMANN

BERLIN taz | Das Thema Finanzen kam bei den Schülern offenbar prima an. „Ich kann allen Kollegen empfehlen, die My-Finance-Coach-Sternstunde auch in ihrem Unterricht auszuprobieren!“, schreibt Ursula Hartl, Lehrerin, Hauptschule an der Franz-Nißl-Straße, München, in ihrem „Erfahrungsbericht“ auf der Webseite der My-Finance-Coach-Stiftung: „Ich habe sofort gemerkt, wie toll es die Schüler finden, echte Experten aus der Arbeitswelt in der Klasse zu haben.“

Hinter My Finance Coach verbergen sich der Versicherungsriese Allianz, das PR-Netzwerk Grey und die Unternehmensberatung McKinsey. Sie gründeten 2010 die gemeinnützige Stiftung, um Kindern und Jugendlichen ein besseres Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln. So die Philosophie.

Weniger begeistert sind Verbraucherschützer: Die Bundesverbraucherzentrale in Berlin ließ die Themenhefte, mit denen My Finance Coach die Schüler aufklärt, 2011 untersuchen. Ergebnis: Das Gesamtkonzept müsse „aufgrund der unzulässigen fachlichen Verengung als tendenziös und damit als nur bedingt unterrichtstauglich eingestuft werden“.

Unternehmen und ihre Verbände drängen seit Jahren vermehrt in die Schulen. Mit dem Argument, die ökonomische Allgemeinbildung der Schüler sei dringend verbesserungsbedürftig, schreiben sie Wettbewerbe aus. Sie bieten Fortbildungen für Lehrer an und überschütten sie mit Unterrichtsmaterialien.

Die Verbraucherzentrale listet in einem „Materialkompass“ im Internet über 200 solcher Arbeitshefte auf. Projektleiterin Tatjana Bielke geht aber davon aus, dass man nur einen Bruchteil der im Umlauf befindlichen Menge erfasst hat.

Für die unter Sparzwang stehenden Schulen sind die gratis erhältlichen Themenhefte eine willkommene Ergänzung. Sozialwissenschaftler der Universität Bielefeld warnten jüngst jedoch in einer Analyse: „Die Lernmaterialien sind nicht selten wissenschaftlich und politisch tendenziös und fördern oft einseitig unternehmernahe Weltbilder.“

Das alles geschieht unter den wohlwollend zusammengekniffenen Augen der Kultusminister. Außerschulische Materialien müssen die Regeln für die Lizenzierung nicht erfüllen, die für staatliche Schulbücher gelten. Die Lehrer können selbst entscheiden, welche der Gratispakete sie im Unterricht verwenden. Bayern bietet die Onlineschulungen von My Finance Coach sogar als offizielle Lehrerfortbildungen an. „Bei dem Angebot von MFC handelt es sich um einen ergänzenden Baustein der Lehrerfortbildungsinitiative in Sachen ökonomische Verbraucherbildung“, heißt es aus dem bayerischen Kultusministerium.

Die Stiftung My Finance Coach geht aber noch einen Schritt weiter: 450 Unternehmensmitarbeiter sind im Auftrag der Stiftung als ehrenamtliche „Coaches“ aktiv. Sie unterrichten Themen wie „Kaufen“, „Sparen“ oder „Umgang mit Risiken“. 90.000 Schülerinnen und Schüler haben nach Stiftungsangaben bereits teilgenommen.

„Erstmalig wagen sich UnternehmensvertreterInnen systematisch mit eigenen Materialien in die Schulen“, erklärt Tim Engartner, Professor an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. „Das ist völlig inakzeptabel.“

2,3 Millionen Euro haben Allianz, McKinsey und Grey sowie über 20 weitere Partner aus der Wirtschaft 2011 in ihre pädagogischen Offensive gesteckt. Die My-Finance-Coach-Stiftung will dabei unter allen Umständen den Anschein vermeiden, im direkten Geschäftsinteresse der Geldgeber zu handeln. „Alle unsere Trainer werden geschult und müssen unterschreiben, keinerlei Werbung zu machen. Sie dürfen auch keine Visitenkarten verteilen und keine Auskünfte zu eigenen Produkten geben“, erklärt Stiftungssprecher Matthias Jansen. Die Jugendlichen sollten sich eigenständig und kritisch mit dem Thema Finanzen auseinandersetzen.

Die beiden WissenschaftlerInnen, die im Auftrag der Verbraucherzentralen die Materialien begutachteten, kamen jedoch unabhängig voneinander zu einem anderen Ergebnis: „Die Auswahl der Themen erfolgt interessengeleitet und bei der Vermittlung fragen die Trainer so lange, bis die Schüler die Antwort geben, die von ihnen gewünscht wird“, berichtet Projektleiterin Bielke. So wird etwa im Unterrichtsleitfaden für das Thema „Umgang mit Risiken“ die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland folgendermaßen eingeschätzt: „Wir haben gelernt, dass das Solidarprinzip nicht mehr funktioniert, wenn sich bestimmte Voraussetzungen ändern.“ Die Schüler sollen Vermutungen anstellen, welche Veränderung eintreten können, „der Finance Coach setzt Impulse zum Beispiel in Richtung demografischer Wandel/Überalterung der Gesellschaft oder Volkskrankheiten wie Übergewicht“. Ist das geklärt, so wird zum zweiten Teil der Folie übergeleitet, deren Ziel es ist: „Nutzen von privater Absicherung nachvollziehen“.

Dieser Ordner ist als einziger noch im „Materialkompass“ der Verbraucherzentrale zu finden. Die anderen Themenordner, allesamt ebenfalls nur als „mangelhaft“ oder „ausreichend“ benotet, musste der Verband nach Beschwerden von My Finance Coach zurückziehen.

Die Weltkulturorganisation Unesco adelte die Stiftungsarbeit im vergangenen Jahr, indem sie My Finance Coach zu einem offiziellen Projekt der „UN-Dekade der Bildung für nachhaltige Entwicklung“ kürte. Bundesbildungministerin Annette Schavan (CDU) war 2011 Schirmherrin des von My Finance Coach ausgelobten Bundeswettbewerbs „Finanzen“.

Um jeden Zweifel an seiner Unabhängigkeit auszuräumen, hat My Finance Coach außerdem einen Fachbeirat eingerichtet. Ihm gehören Vertreter anderer wirtschaftsnaher Stiftungen an, aber auch der Vorsitzende des Philologenverbands Heinz-Peter Meidinger. Der empfindet die Kritik der Verbraucherschützer an My Finance Coach als „zu harsch“: „Wenn ich den leisesten Verdacht hätte, dass die Coaches verdeckte Werbung machen, wären sie sofort raus.“

Die Schule an der Franz-Nißl-Straße in München will die Zusammenarbeit mit den Coaches nach zwei Jahren beenden. „Die Stunde war ganz gut, aber organisatorisch war das ein richtiger Zirkus“, erzählt die Lehrerin Sarah Kretz.

Eine Ursula Hartl hat an der früheren Hauptschule, die heute eine Mittelschule ist, nie unterrichtet. Da ist sich die Sekretärin ganz sicher, und die arbeitet hier schließlich seit 25 Jahren.

Einflussreiche Akteure

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Die INSM, gegründet von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie, betreibt das Lehrerportal „Wirtschaft und Schule“. Es wird inhaltlich vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln redaktionell betreut. Von dort lassen sich derzeit 38 Unterrichtsentwürfe herunterladen. Zusätzlich werden 43 Print-Publikationen angeboten.
Etat: 7 Millionen Euro netto im Jahr 2011 (INSM gesamt)

Institut für Ökonomische Bildung Oldenburg GmbH
Das privatrechtlich organisierte IÖB an der Universität Oldenburg erstellt Arbeitsmaterialien und koordiniert Lehrerfortbildungen. Träger sind u. a. die Bertelsmann Stiftung, die Heinz Nixdorf Stiftung, die Stiftung der Deutschen Wirtschaft, die Länder Niedersachsen und Baden-Württemberg sowie die EWE Aktiengesellschaft.
Etat: nach Institutsangaben zwischen 1 Million und 1,5 Millionen Euro pro Jahr, davon ein Drittel vom Land Niedersachsen

Handelsblatt GmbH im Holtzbrinck-Konzern
Die Initiative „Handelsblatt macht Schule“ wird u. a. von der Deutschen Telekom Stiftung und der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) gesponsert. Sie fördert Kontakte zur Wirtschaft und gibt gratis Unterrichtsmaterialien heraus, u. a. zum Thema „Finanzielle Allgemeinbildung“. Erstellt vom IÖB (siehe oben), ist es im Materialkompass der Verbraucherzentrale mit ausreichend bewertet: „Alleiniger Praxiskontakt ist die DVAG.“
Etat: Keine Angaben. (ale)

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2012%2F03%2F30%2Fa0083&cHash=08ca3c8e27


taz 30.03.2012

„Gefährlicher als Werbung“

LOBBYISMUS Der Sozialwissenschaftler Reinhold Hedtke kritisiert die Verschleierungstaktik von Unternehmensvertretern im Unterricht

taz: Herr Hedtke, Unternehmen, Kammern und Verbände wollen mehr Wirtschaft in der Schule. Wie erfolgreich sind sie dabei?

Reinhold Hedtke: Sie sind sehr erfolgreich darin, mit Materialien, Expertenwissen und Projekten in die Schulen einzudringen. Das ist in den letzten Jahren sehr stark expandiert.

Welche Interessen verfolgen sie damit?

Ein wichtiger Grund liegt darin, dass gerade Branchen wie die Finanz- und Versicherungswirtschaft einen schlechten Ruf haben. Dieser ist im Zuge der Finanzkrise noch einmal richtig ruiniert worden. Die Unternehmen haben ein starkes Interesse daran, ihr Image aufzupolieren.

Die Trainer dürfen keine Tipps geben und keine Visitenkarten austeilen. Von Schleichwerbung kann also keine Rede sein.

Das wäre auch absolut illegitim. Diese Leute machen vielleicht keine Werbung, aber sie vertreten die Interessen ihrer Branche. Und sie vermitteln den Kindern und Jugendlichen den Eindruck , da kommen Experten, die uns verstehen, und senken so die Hemmschwelle, Versicherungen abzuschließen oder Wertpapiere zu kaufen. Das ist viel gefährlicher als plumpe Werbung.

Wie bekommt man die Balance hin – Experten von außen in die Schule zu holen, aber keine Lobbyarbeit zu unterstützen?

Gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer verfügen meist über genügend Expertise. Ein Irrtum ist außerdem, dass es ausgerechnet das ökonomische Wissen sei, welches Schüler am dringendsten brauchen. Das ist nur das Ergebnis einer Medienkampagne, die seit zehn Jahren geführt wird. Es erweist sich nämlich als falsch, wenn man sich überlegt, für welche wichtigen Bereiche es überhaupt keine Unterrichtsfächer gibt. Fast alle Jugendlichen gründen später Familien und werden Eltern. Aber es gibt kein Pflichtfach Pädagogik.

Sie sind Mitglied der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung – und kritisieren doch deren Ansatz?

Da sehe ich keinen Widerspruch. Ich bin durchaus der Meinung, dass wir eine bessere ökonomische Bildung brauchen.

Was heißt das konkret?

Schüler sollten besser verstehen, wie Politik und Wirtschaft zusammenhängen. Das ist ein Bereich, der absolut unterbeleuchtet ist, der aber, wie die Finanz- und Schuldenkrise zeigt, von existenzieller Bedeutung ist.

INTERVIEW: ANNA LEHMANN

Reinhold Hedtke

58, ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie an der Uni Bielefeld. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie die Wirtschaft im Unterricht behandelt wird.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2012%2F03%2F30%2Fa0084&cHash=d66e1eab99


Reinhold Hedtke

Wirtschaft in die Schule?!
Ökonomische Bildung als politisches Projekt

„Wirtschaft in die Schule!“ genannt „Ökonomische Bildung“ ist ein
dezidiert politisches Projekt. Seit einem Jahrzehnt führen Wirtschaftsverbände
sowie konservative Stiftungen und Initiativen eine
Kampagne für die Verankerung ökonomischer Bildung an allgemein
bildenden Schulen. Die Forderungen laufen im Kern auf ein
eigenständiges Schulfach Wirtschaft hinaus. Zu den Hauptakteuren
gehören Ludwig-Ehrhard-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung,
Bertelsmann-Stiftung, Stiftung der deutschen Wirtschaft, Initiative
Neue Soziale Marktwirtschaft, Bundesvereinigung der deutschen
Arbeitgeberverbände, Bundesverband der deutschen Industrie,
Bundesverband deutscher Banken, Deutsches Aktieninstitut und,
last but not least, das Oldenburger Institut für ökonomische Bildung
(IÖB). Früher waren auch andere gesellschaftliche Gruppierungen
beteiligt, etwa der DGB und Lehrer- sowie Elternverbände.

Weiter:

http://www.gew-berlin.de/documents_public/hedtke_politisches_Projekt.pdf

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