Dipl.-Ing. Hans Heydemann bei der 110. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 am 6.2.2012 am Südflügel

110. Montagsdemo: Parkschützer und Hans Heydemann

Rede von Dipl.-Ing. Hans Heydemann
Rede von Dipl.-Ing. Hans Heydemann bei der 110. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 am 6.2.2012 am Südflügel, Hbf Stuttgart

Liebe Freunde und Mitstreiter für den Erhalt des Kopfbahnhof!

Vergangenen Montag und Dienstag fand die Erörterung über den Änderungsantrag der Bahn zum Fildertunnel statt. Merkwürdig nur, daß zur gleichen Zeit mit dem Abriß des Südflügels begonnen wurde. Diejenigen, die sich dem tapfer entgegengestellt haben, konnten also nicht bei der Erörterung dabei sein – und die, die sich der Expertenrunde der Bahn gestellt haben, um dieses Irrsinnsvorhaben abzuweisen, fehlten bei der Verteidigung des Südflügels gegen den ersten Baggerbiß! Doch das war sicherlich nur ein rein zufälliges Zusammentreffen – ohne jeden bösen Hintergedanken! Oder etwa nicht?

Die Erörterung war für die Bahn ein eher lästiges Schauspiel, daß sie mit unglaublicher Selbstüberheblichkeit gegenüber uns Bürgern an jedem Punkt aufs Neue abzuwürgen versucht hat. Man läßt die Leute reden, hält sich gewissermaßen die Ohren zu – und macht ohnehin so weiter, wie man es für richtig hält!

Ich war fassungslos, wie kaltschnäuzig die Vertreter der Bahn rundheraus abstritten, die Bahn habe seinerzeit beim ersten Erörterungsverfahren im Herbst 2002 zugesagt, mit dem Bau erst dann zu beginnen, wenn alle Abschnitte rechtskräftig planfestgestellt seien, so wie es ja auch der damalige Vorstand der Bahn öffentlich verkündet hatte. Und als man den Herren von der Bahn dann den Ausschnitt aus dem Wortprotokoll mit dieser Zusage des damaligen Bahnvertreters vorlegte, hieß es eben, dieser sei falsch verstanden worden!

Als beim TOP „Wasser“ unser Experte Roland Morlock auf den gerichtlich verfügten Baustop beim GWM hinwies, blockte die Bahn sogleich ab mit dem Hinweis, dies gehöre nicht zum PFA 1.2 „Fildertunnel“, das sei nicht Gegenstand dieser Erörterung! Doch Roland Morlock ließ nicht locker und konnte der Bahn und ihren Gutachtern nachweisen, daß deren der S-21-Planung zugrundeliegendes Grundwassermodell fehlerhaft ist und nicht schlüssige Ergebnisse liefert. Antwort des Gutachters der Bahn: „Genau werden wir das erst wissen, wenn wir gebaut haben“! Die Bahn gesteht damit ein, doch nicht so genau zu wissen, was sich tun wird, wenn gebaut wird!

Als aber ein besorgter Hausbesitzer aus dem Kernerviertel nachfragte, was denn mit seinem am Hang stehenden Haus geschehen könne, wenn der Grundwasserspiegel wie für S-21 vorgesehen abgesenkt wird, ob gar der Hang ins Rutschen geraten könne, wurde ihm von diesem Gutachter versichert: „Seien Sie unbesorgt! Ihrem Haus wird schon nichts passieren!“

Daraufhin habe ich an die vor 100 Jahren untergegangene TITANIC erinnert. Von der hieß es ja auch, die sei unsinkbar. 6 Tage nach dem Auslaufen rammte sie einen Eisberg, wurde auf ganzer Länge aufgeschlitzt und versank mit mehr als 1.700 Menschen in der Tiefe! Das Gerede von der Sicherheit kennen wir ja auch von der Atomkraft, die so todsicher ist, daß nur alle 10.000 Jahre mit einem Kernschmelz-Unfall zu rechnen ist. Inzwischen hatten wir jedoch schon mindestens vier davon – in nur gut 30 Jahren. Wie schnell doch die Zeit vergeht!

Der Gipfel der Unverfrorenheit war jedoch die Antwort der Bahn auf die Fragen zur Sicherheit und zum Brandschutz. Ich habe den Videofilm über den schweren ICE-Brand 2001 in Offenbach und weitere Bilder von Zugbränden gezeigt – u.a. über die Brandkatastrophen von Kaprun in 2000 mit 155 Toten und 2003 von Daegou/Korea mit 197 Toten – und vorgerechnet, daß die Flucht bei einem Brand im Fildertunnel mit den viel zu schmalen Fluchtstegen durch die 500 m entfernten Rettungsstollen in die benachbarte Tunnelröhre hinein mindestens 22 Minuten nach Regelwerk, tatsächlich bei Einbeziehung des Panikverhaltens aber wohl 34 Minuten dauern werde, die Verrauchung des Tunnelabschnittes aber nur 11 Minuten, mit dem Ergebnis, daß kaum einer lebend davon kommen dürfte. Die Leute werden auf dreierlei Art zu Tode kommen: die ersten würden in der Panik überrannt und zu Tode getrampelt – siehe Love-Parade Duisburg 2010, die meisten aber von der sich sehr rasch ausbreitenden Rauch- und Qualmwolke eingeholt und elendiglich darin ersticken. Und die, die es trotz allem noch in die benachbarte Tunnelröhre als einem angeblich sicheren Bereich schaffen sollten, würden womöglich durch einen dann noch hindurchrasenden Zug zermalmt, weil von der Bahn in all der Aufregung versäumt wurde, rechtzeitig den Zugverkehr in der Nachbarröhre zu stoppen. Was schiefgehen kann, geht im Zweifel auch schief! Beispiele dafür gibt es gerade auch bei der Bahn zuhauf. Und schließlich mein Hinweis, daß das Befüllen der Löschwasserleitungen an die zwei Stunden dauern werde und der Löschwasservorratsbehälter dann leer sei, so daß kein Wasser zum Löschen mehr übrig bleibt, was übrigens auch von der Stuttgarter Feuerwehr in ihrer Stellungnahme zum Planfeststellungsantrag beanstandet worden ist.

Doch was sagt die Bahn dazu? Sie gesteht zwar ein, daß ein solches Ereignis niemand ausschließen kann. Aber sie lehnt es mit aller Entschiedenheit ab, über dieses fragwürdige Flucht- und Rettungskonzept überhaupt auch nur zu reden. Das sei alles planfestgestellt und werde auch so umgesetzt – Punkt! Auf Nachfrage räumte der Bahnvertreter ein, daß für den Tunnel keine Räumungs- und auch keine Verrauchungs-Untersuchung gemacht worden ist, denn „Wir bauen nach Regelwerk und halten internationale Standards ein; abweichende Festlegungen kämen da überhaupt nicht in Frage!
Also will die Bahn Tunnels bauen, deren Herstellkosten zwar wirtschaftlich optimiert sind, die aber im Zweifelsfall Todesfallen sein werden. Sie nimmt damit wissentlich Todesopfer billigend in Kauf. Das ist ein Skandal, das ist ein Verbrechen gegen die Menschenrechte! Das werden wir der Bahn so nicht durchgehen lassen!

Deshalb: Oben bleiben!

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