„Jugend auf Bau“ steht vor dem Aus

Nürtinger Zeitung, 17.11.2011 00:00

„Jugend auf Bau“ steht vor dem Aus

Nach sechs Jahren zieht sich das Job-Center aus der Finanzierung für das Projekt zur Qualifizierung arbeitsloser Jugendlicher zurück

Das Projekt „Jugend auf Bau“ steht vor dem Aus. Der Qualifizierungsmaßnahme in der Jugendwerkstatt des Nürtinger Trägervereins Freies Kinderhaus ist das Nürtinger Job-Center als Co-Finanzierer weggebrochen. In den letzten sechs Jahren wurden dort schwer vermittelbare Jugendliche mit praktischen Arbeiten qualifiziert und gleichzeitig sozialpädagogisch begleitet.
VON UWE GOTTWALD

NÜRTINGEN. Der Nürtinger Kreisrat Peter Rauscher (Linke) hatte in seiner Haushaltsrede auf die prekäre Situation der Jugendwerkstatt innerhalb des Trägevereins Freies Kinderhaus hingewiesen. Julia Rieger und Pit Lohse von dessen Geschäftsführung bestätigen: „Wir mussten fünf Mitarbeitern der Jugendwerkstatt bereits kündigen.“ Rauscher wies auf Änderungen in den Sozialgesetzbüchern hin und befürchtet immense Auswirkungen auf die Existenzfähigkeit weiterer Arbeitshilfeprojekte im Landkreis.

Mit Blick auf jugendliche und jüngere Langzeitarbeitslose fordert Rauscher ein regionales Modell zur Sicherung dieser Hilfesysteme. Auch der Antrag der Kreistagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Kreistag, die Auswirkungen des sogenannten Instrumentengesetzes zu prüfen und eine „Kreisarbeitsgemeinschaft Arbeitslosenhilfe“ einzurichten, zielt in diese Richtung. Damit greifen die Grünen eine Forderung der Liga der Freien Wohlfahrtspflege im Landkreis Esslingen auf.

Die Jugendwerkstatt des Trägervereins Freies Kinderhaus in der Alten Seegrasspinnerei arbeitet seit 2005 mit jungen Frauen und Männern, die vielfältige Vermittlungshemmnisse vorweisen, sei es wegen ihres sozialen oder familiären Umfeldes, wegen Migration und ethnischer Herkunft, wegen Entwicklungsstörungen, wegen psychischer oder physischer Beeinträchtigungen. Die jungen Leute wurden durch das Jobcenter zugewiesen, das Mittel für Qualifizierungsmaßnahmen bereitstellt. Diese Co-Finanzierung ist für den Träger der Maßnahme Voraussetzung, um vom Landkreis weitere Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zu bekommen, um die Jugendlichen neben der Qualifizierung sozialpädagogisch zu begleiten. Zudem nutzen die Jugendgerichtshilfe und einige Schulen die Einrichtung wegen der Arbeitsmöglichkeiten für Sozialstunden, beziehungsweise für Jugendliche, die von Schulausschluss bedroht sind oder eine Praktikumsstelle in der Orientierungsphase suchen. In den letzten Jahren wurden über 100 junge Erwachsene vor allem bei der Renovierung eines denkmalgeschützten Gebäudes der Seegraspinnerei eingesetzt und außerdem bei künstlerischen Projekten angeleitet.

Die Gesetzesänderungen, die Hilfen zur Arbeit betreffen, sind zwar vom Bundestag beschlossen, im Bundesrat wurden jedoch Nachbesserungen verlangt. Daneben soll im Rahmen einer Sparrunde auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales von Etatkürzungen betroffen sein. Beim Trägerverein Freies Kinderhaus vermutet man in den anstehenden Gesetzesänderungen und drohenden Mittelkürzungen den Rückzug des Jobcenters aus der Maßnahme. Dessen Leiter Werner Schreiner will das so nicht bestätigen, auch wenn er einräumt, dass die anstehenden Änderungen und Mittelkürzungen auf das eine oder andere Hilfeprojekt im Kreis Auswirkungen haben könnten. Im Falle der Nürtinger Jugendwerkstatt meint er: „Wir haben im Moment zum Glück nicht mehr so viele arbeitslose Jugendlichen, müssen deshalb aber überprüfen, ob die Maßnahme noch im Verhältnis zum Aufwand steht.“

Unterschiedliche Definition von ausreichendem Erfolg?

Pit Lohse bestätigt: „Im Moment haben wir noch neun Teilnehmer, doch wurde uns gesagt, es bräuchte mindestens zwölf.“ Julia Rieger sieht auch in unterschiedlichen Definitionen zum Erfolg von Maßnahmen einen möglichen Grund. So sei es bei dem Klientel der Jugendwerkstatt mit vielfältigen Problemen wie zum Beispiel auch Suchterkrankungen oder Überschuldung schon als Erfolg zu werten, wenn sie sich zu einer Therapie oder einer Schuldnerberatung bereit erklärten. Ein Erfolg sei ebenfalls, dass 80 Prozent der Jugendlichen durchhalten und die Maßnahme nicht vorzeitig abbrechen. Und auch Schreiner bestätigt: „Die Jugendwerkstatt ist ein anerkanntes und gutes Projekt und trägt zu einer guten Struktur von Hilfen in Nürtingen bei, doch müssen vielleicht andere Lösungen gefunden werden.“

Darin liegt für Lohse und Rieger aber das Problem. Sie können nicht Mitarbeiter für ständig wechselnde Förderkriterien vorhalten und müssen nun machtlos zusehen, wie die aufgebauten Strukturen unterzugehen drohen. Diesen Punkt spricht auch die Liga der Freien Wohlfahrtspflege in ihrem mehrseitigen Positionspapier zu anstehenden Gesetzesänderungen an, wenn sie verlässlichere Finanzierungsmodelle fordert. Heute werden Anträge dazu im Sozialausschuss des Kreistags behandelt.

Nicht nur verschiedene Fertigkeiten, auch ein Stück Lebenstüchtigkeit wurde Jugendlichen beim Projekt „Jugend auf Bau“ vermittelt. Foto: Holzwarth

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