Die Würde der Empörer

Neues Deutschland, 30.05.2011 / Feuilleton / Seite 16
Stéphane Hessel

Von Gunnar Decker

Er besucht seine Berliner Verlage. Für den dreiundneunzigjährigen Autor ist das immer eine Gelegenheit zu öffentlichem Gespräch. Gerade war er beim Verlag für Berlin und Brandenburg, in dem das Buch seines Vaters Franz Hessel neu erschienen ist, das immer noch unbedingt lesenswerte »Spazieren in Berlin« aus den 20er Jahren, zu dem er ein Nachwort schrieb; dann ist er beim »Ullstein-Abend« in der Friedrichstraße, um im Gespräch mit Gabriele von Arnim seine hier erschienene Flugschrift »Empört Euch!« vorzustellen. In Frankreich erreichte sie bereits eine Auflage von 1,5 Millionen – in Deutschland 350 000. Da hat jemand den Nerv der Zeit getroffen, die Stelle, wo der bislang verdrängte Schmerz sitzt!

Die Lebensgeschichte von Stéphane Hessel auch nur umrissweise zu erzählen, sprengte den Rahmen dieses Textes – er selbst hat darüber ein Buch geschrieben: »Tanz mit dem Jahrhundert«. Geboren wurde er 1917 in Berlin, der Vater Franz Hessel stammte aus einer assimilierten polnisch-jüdischen Familie; seine Mutter, die Journalistin Helen Grund, war deutsch-protestantisch. Seine Mutter lebte in einer nicht nur für die damalige Zeit ungewöhnlichen ménage à trois – die Francois Truffaut zur Vorlage seines Films »Jules und Jim« wurde.

Im Krieg kämpfte er erst in der französischen Armee, dann in der Resistance – wurde verhaftet und kam ins KZ Buchenwald, stand vor der Hinrichtung, der er mit Hilfe von Eugen Kogon entging – und konnte schließlich fliehen. Nach dem Krieg arbeitete er als Diplomat bei der UNO und gehörte 1948 zu den Verfassern der Erklärung der Menschenrechte. Michael Kogon, der Sohn Eugen Kogons, hat »Indignez-vouz« ins Deutsche übersetzt. So schließen sich Kreise.

Ein Mann betritt die Bühne im ehemaligen Musiksaal jener Schule, wo nun der Ullstein Verlag seinen Sitz hat – nein, ein Herr, eine aristokratische Erscheinung: blauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Wenn er spricht, dann auf überlegte, gediegene Weise, die den Diplomaten alter Schule zeigt. Und doch ist da auch ironisches Funkeln, unerwarteter Witz in dem, was er sagt. Da sitzt ein Freigeist, einer wie Alphonse Daudet, unpathetisch, voll funkelnder Lust am Leben und Reden, ein Charmeur seiner Gesprächspartnerin gegenüber ohnehin – und hat uns ein Vermächtnis zu hinterlassen. Es ist jener Geist der Revolte, für den die Franzosen berühmt sind – von Zolas »J´accuse« bis zu Albert Camus‘ »Mensch in der Revolte«. Es ist der Geist der Resistance, des Widerstands, aus dem »Empört Euch!« kommt.

Wie ein Schrei soll er sein. Hessel hat altersmilde Weisheit gegen jugendliche Wut getauscht, wenn auch nicht ohne Einschränkung: »Für Spinoza gehört die Empörung zu den verdächtigen Affekten. Es kommt auf einen durch den Verstand geläuterten Affekt an, der ein Ziel kennt.«

Gefragt, woher dieser Drang, sich immer noch so unüberhörbar einzumischen, bei ihm kommt, antwortet er: aus der Verantwortung, ein Überlebender zu sein. Er fühle die Verpflichtung, etwas weiterzugeben von dem, was die entscheidenden Werte seines Lebens seien. »Das ist ein bisschen lächerlich mitunter, aber das darf man manchmal sein«, sagt er.

Hessel ist ein Mensch, bei dem man, ohne zu zögern, sagt, dass er Stil besitzt. Es ist eine Fähigkeit, sogar noch Leid und Schmerz, Wut und Empörung in eine kultivierte Form zu bringen. Im franzöischen Originaltitel »Indignez-vouz!« steckt das Wort »digne«, was von »Würde« kommt. Damit erhält das französische Wort eine Dimension, die der deutschen Entsprechung »Empörung« fehlt. Empörung allein also reicht nicht, das ist im Französischen bereits mitgesagt. Gefordert ist eine zivile Gestaltung jenes Naturrechtsanspruchs, wie ihn Rousseau formulierte.

Was die wichtigste Erfahrung seines Lebens gewesen sei, will Gabriele von Arnim wissen. Und Hessel antwortet etwas die Zuschauer sehr Überraschendes: dass er es gelernt habe, zu bewundern. Ohne die Fähigkeit zur Bewunderung weiß man auch nicht, was einem genommen wird, wenn die Gleichgültigkeit droht. Bewunderung macht demütig vor echter Größe, die nichts mit Macht oder Geld zu tun hat. In Paris war er in den 20er Jahren umgeben von schillernden Figuren wie Marcel Duchamp oder Max Ernst. Nur wer Größe kennt, kann sich dem drohenden Ansturm des Niedrigen widersetzen.

Wird so jemand wie er nicht zwangsläufig zum Don Quichotte? Aber es sind viele Menschen in Europa (auch in Ägypten und Tunesien ist »Empört Euch!« inzwischen erschienen), die aus bloßen Objekten wieder zu Subjekten ihres eigenen Handelns werden wollen. Es geht um die Rückeroberung des Begriffs »Menschenwürde« in einer neoliberal vom Finanzkapital beherrschten Welt! Eine größere innere Armut als die Herrschaft des maßlosen Geldes ist nicht vorstellbar (und sie reproduziert die äußere Armut an anderer Stelle). Wer auch nur einen Funken Ahnung von den kulturellen Möglichkeiten des Menschen hat, muss sich wehren – gerade auch dann, wenn es die Regierungen nicht tun. Nichts, so Hessel in »Empört Euch!«, sei schlimmer als Lethargie: »Den ›Ohne mich‹-Typen ist eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement.« Das ist die Botschaft des Abends: Stärkung der »Nichtregierungsorganisationen«.

Sie liegt in der Luft, die Empörung des Bürgers, von seinen eigenen Angelegenheiten immer mehr ausgeschlossen zu werden – und das in der Staatsform der Demokratie. Kann diese Demokratie selbst wieder zu einer Form des Widerstands werden gegen imperiale Anmaßungen der Börsen-Oligarchen? Ohne Utopien, so Hessel, geht es nicht. Jede Wirklichkeit, die sagt, sie müsse so sein, wie sie ist, das lehrt die Geschichte, will uns um die in ihr verborgenen Möglichkeiten betrügen.

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/198704.die-wuerde-der-empoerer.html

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