Gentechnik – Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion in der Seegrasspinnerei über Gentechnik kontra biologische Lebensmittel und über S21 war erfolgreich, wiederum allerdings ohne die Kandidaten von CDU und Bündnis90/Die Grünen

Ntz, 16.2.2011

Mehr Bioprodukte – aber wie?

Landtagskandidaten diskutierten über Gentechnik kontra biologische Lebensmittel – Kurzfristig auch S 21 zum Thema gemacht

Über Gentechnik in der Landwirtschaft und Lebensmittelskandale sollten Landtagskandidaten aus dem hiesigen Wahlkreis am Montagabend in der Kulturkantine der Seegrasspinnerei diskutieren. Kurzfristig wurde das Thema noch erweitert um Stuttgart 21.


VON UWE GOTTWALD

NÜRTINGEN. „Dioxin, Gammelfleisch, Gentechnik, Nanopartikel – welche Lebensmittel sind noch gesund“ lautete der Titel der Podiumsdiskussion. Eingeladen hatte das Nürtinger Bündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittel, das einst aus Anlass der Freilandversuche der Nürtinger Hochschule gegründet wurde. Auch wenn manch einer von der kurzfristigen Erweiterung der Themenpalette etwas überrascht war, ließ sich das in der Diskussion niemand anmerken. Auch unter den circa 25 Zuhörern waren einige, die Interesse am Thema Stuttgart 21 zeigten.

Der frühere Südfunk-Journalist Bert Hauser begrüßte als Moderator die Landtagskandidaten Hosam el Miniawy (FDP), Walter Bauer (SPD), Peter Rauscher (Linke), Jan Lüdtke-Reißmann (Piraten) und Matthias Gastel als Zweitkandidat der Grünen in Vertretung von Winfried Kretschmann. Die CDU war nicht vertreten, Hilmar Thorsten Kroner, Zweitkandidat hinter Thaddäus Kunzmann, habe ausrichten lassen, er sei noch auf dem Weg zwischen Leipzig und Nürtingen, gab Jochen Findeisen im Namen der Veranstalter bekannt.

Hauser eröffnete die Runde zur Lebensmittelproduktion mit der pointierten Frage, ob gentechnisch erzeugte Lebens- und Futtermittel nicht bereits durch das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zumindest für Deutschland kein Thema mehr seien. Bauer und Gastel hielten ein Verbot zwar für wünschenswert, doch stehe dem die EU-Politik entgegen, die Mais und Kartoffeln für den gentechnisch manipulierten Anbau zulässt. Wenn es dann um Futtermittel geht, kommt der Weltmarkt ins Spiel. Gentechnisch erzeugtes Soja als Eiweißspender in der Mast gelange in die tierische Lebensmittelkette, so Hauser. Bauer und Gastel setzen deshalb auf die Verbraucher, die allerdings mit den nötigen Informationen versorgt werden sollten.

El Miniawy hält nichts von Verboten, zumal sie der EU-Politik nicht standhalten könnten. Er setzt stattdessen auf den mündigen Bürger und spricht sich ebenfalls für eine Kennzeichnungspflicht aus. In der Forschung sollte man sich jedoch keine Wege verbauen: „Insulin wird mittlerweile auch gentechnisch hergestellt, anders wären die erforderlichen Mengen zu erschwinglichen Preisen gar nicht zu produzieren.“ Die Welternährungsprobleme seien nicht mit gentechnischer Produktion, sondern mit einer gerechteren Verteilung und Wirtschaftspolitik zu lösen, so ein Zuhörer. Gastel zum Vergleich der „roten“ Gentechnik in der Humanmedizin und der „grünen“ Gentechnik in der Pflanzenproduktion: „Im Gegensatz zur ,roten‘ Gentechnik im Labor spielt sich die Pflanzenproduktion im Freiland ab, und da ist eine Koexistenz nicht möglich, weil biologische Produkte über natürliche Befruchtung betroffen sind.“ Lüdtke-Reißmann prangerte das Monopolstreben von Herstellern gentechnisch manipulierten Saatguts an: „Die wollen den gesamten Prozess der Lebensmittelerzeugung kontrollieren und ausbeuten, das ist pervers.“

Die Frage von Preis und Produktionsbedingungen griff Rauscher auf, nicht nur in Bezug auf gentechnisch erzeugte Produkte: „Der biologische Landbau wird durch einseitige Subventionspolitik zugunsten großer Agrarfabriken kaputt gemacht.“ Darüber hinaus werde ein Großteil der Verbraucher immer ärmer gemacht. „Die können sich gesunde und gesund erzeugte Produkte nicht leisten.“ Als Alternative wies er auf seine Initiative in einem genossenschaftlichen Lebensmittelladen im Stadtteil Roßdorf hin. Bauer dazu: „Das können Sie sich nicht alleine an die Brust heften, da sind auch Nürtinger Sozialdemokraten dabei.“

Mehr Unterstützung für Umstellung auf biologischen Landbau gefordert

Zu Biogas und Biodiesel gab Hauser dann zu bedenken, dass eigens für Kraftstoffe angebaute Produkte in Konkurrenz zu Lebenmitteln stünden und die Preise verteuerten. Bauer sieht die Subventionierung dieser Energieproduktion auch in Konkurrenz zu anderen regenerativen Energiequellen, „von denen es genügend gibt und die wir eher nutzen sollten“. Gastel verteidigte dennoch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als „einen der größten Erfolge der rot-grünen Koalition“, räumte aber ein, dass bei Fehlentwicklungen nachjustiert werden müsse. Außerdem hält er es für wichtig, Böden für die Umstellung auf ökologischen Landbau zu reservieren, und ist sich mit Rauscher einig: „Diese Umstellung muss stärker gefördert werden.“

Bei Stuttgart 21 wurde es emotionaler, vor allem die Beiträge aus dem Publikum. Nicht die Bürgermeinung, sondern mehr oder weniger durchsichtige wirtschaftliche Interessen stünden im Vordergrund. El Miniawy plädierte für das Projekt, aus verkehrstechnischen wie aus städtebaulichen Gründen, räumte schließlich aber ein, dass künftig mehr Transparenz herrschen müsse. Bauer nennt sich in dieser Frage einen Realpolitiker: „Die Planfeststellungsverfahren sind größtenteils durch, jetzt muss man das Beste herausschlagen.“ Er meinte damit seinen Vorschlag für eine alternative Trassenführung, die dem Filderraum und am Rande auch dem Nürtinger Raum zugutekäme.

Rauscher und Gastel lehnten S 21 aus verkehrstechnischen Gründen ab. Geringfügig schnellere Verbindungen über Land hätten wegen der enormen Kosten zur Folge, dass Geld für die Ertüchtigung des Schienennetzes in der Fläche fehle. Dem schloss sich Lüdtke-Reißmann an. Aus rechtlichen Gründen, so Gastel, könne nur die Landesregierung einen Volksentscheid in die Wege leiten, was eine Regierungsbeteiligung seiner Partei voraussetze. Rauscher lobte die wachen Bürger: „Erst Ihr Protest hat die Mängel zutage gefördert, solche Bewegungen als Ergänzung zum Parlamentarismus werden für eine Demokratie immer wichtiger.“

Auf dem Podium (von links): Hosam el Miniawy, Walter Bauer, Moderator Bert Hauser, Matthias Gastel, Peter Rauscher und Jan Lüdtke-Reißmann ug

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s