Hölderlin und Nürtingen

Eine erfolgreiche Sitzung des Kultur- und Sozialauschusses. Wir konnten unsere Vorstellungen verwirklichen!

Nürtinger Zeitung, 20.1.2011

Die Nürtinger und ihr großer Sohn

Kultur-, Schul- und Sozialausschuss begrüßt Initiative des Vereins Hölderlin-Nürtingen, Teile des Sattler-Archivs zu erwerben


Hölderlin und Nürtingen – früher eher eine weniger beachtete Verbindung. Der Hölderlin-Spaziergang brachte die Annäherung. Ingrid Dolde und der Verein Hölderlin-Nürtingen sorgen jetzt dafür, dass der berühmte Sohn verstärkt als solcher wahrgenommen wird. Jetzt will der Verein Teile des Sattler-Archivs erwerben und möglichst im Hölderlinhaus unterbringen.


VON ANNELIESE LIEB

NÜRTINGEN. Im Mai letzten Jahres, am Rande der Ausstellung „Von der Grafik zur Edition“ im Stadtmuseum, ist die Idee entstanden. Dietrich E. Sattler, der Herausgeber der sogenannten Frankfurter Ausgabe der Werke Hölderlins, signalisierte, dass er sich vorstellen könne, das umfangreiche Archiv, das er in mehr als drei Jahrzehnten zusammengetragen hat, nach Nürtingen zu verkaufen. Sattlers Archiv besteht zum einen aus einer Sammlung von Arbeitsmaterialien zur eigentlichen Edition sowie einem Buchbestand mit Hölderlinausgaben und Sekundärliteratur. Es handelt sich dabei um Sattlers editorische Handbibliothek. Da sind auch Bücher aus der Hölderlinzeit selbst dabei.

Die Absicht des Vereins Hölderlin-Nürtingen ist nun, wie Ingrid Dolde am Dienstag im Kultur-, Schul- und Sozialausschuss betonte, das eigentliche Editionsarchiv an die württembergische Landesbibliothek/Hölderlinarchiv nach Stuttgart zu geben, da dort bereits weiteres Archivgut und Materialien zum Thema Hölderlin für die Forschung bereitgehalten werden. Und dort auch die nötigen personellen Kapazitäten für die archivalisch korrekte Behandlung der Sammlung zur Verfügung stehen. Sattlers Bibliotheksgut will der Verein Hölderlin-Nürtingen mit Unterstützung von Sponsoren erwerben und im Hölderlinhaus präsentieren. So weit, so gut. Die Absicht des Vereins Hölderlin-Nürtingen, Teile von Sattlers Archiv mit Hilfe von Sponsoren zu erwerben und dauerhaft für die Heimatstadt Hölderlins zu sichern, wurde von den Ausschussmitgliedern allgemein begrüßt.

Was den Kommunalpolitikern allerdings weniger gefiel, war, dass der Erwerb des Bibliotheksgutes von der Stadt unmittelbar in Zusammenhang mit dem geplanten Bildungszentrum am Schloßberg und einem weiteren ins Auge gefassten Architektenwettbewerb gestellt wurde. Das Gremium rieb sich an dem von Bürgermeister Siebert formulierten zweiten Teil des Beschlussvorschlags, der da lautete: „Die Präsentation des bibliophilen Bestands des Sattler-Archivs im Hölderlinhaus und damit im Bildungszentrum am Schloßberg wird unter der Voraussetzung in die Auslobung des noch durchzuführenden Architekturwettbewerbs aufgenommen, dass dies keine Beeinträchtigung für die künftige Unterbringung und Funktion des Hauses als Sitz der Volkshochschule und des Kultur-, Schul- und Sportamtes oder erhebliche Mehrkosten mit sich bringt.“

Über das Bildungszentrum soll gesondert beraten werden

Ein Satz, der für Zündstoff sorgte. Damit, so Peter Rauscher (Nürtinger Liste/Grüne) solle das Gremium indirekt einem Architektenwettbewerb zustimmen, ohne Inhalt und Ziele zu kennen. Nach den Erfahrungen mit dem Hölderlinhaus in der Vergangenheit halte er dies für zu gefährlich. Auch Dr. Otto Unger, Fraktionschef der Freien Wähler, sah die Formulierung kritisch. Bärbel Kehl-Maurer, stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, stieß ins selbe Horn: Teile des Sattler-Archivs zu kaufen sei richtig und wichtig. Damit aber die Unterbringung im Hölderlinhaus gleich zu verknüpfen, davon riet sie zum jetzigen Zeitpunkt ab. Für sie ist einerseits zwar klar, dass der Buchbestand und das Hölderlinhaus zusammengehören – „wir wollen da ja auch Besucher reinbringen“ –, doch das Bildungszentrum voranzubringen stehe jetzt nicht auf der Agenda. Dieser Punkt müsse auf eine gesonderte Tagesordnung, argumentierte die Sozialdemokratin.

Rolf Siebert war von der Diskussion überrascht und plädierte dafür, den zweiten Teil des Beschlussantrages nicht zu kippen, denn die Vorbereitungen für den runden Tisch zum Thema „Bildungszentrum am Schloßberg“ seien bereits angelaufen. „Mir ist wichtig, dass der Architektenwettbewerb nicht auf die lange Bank geschoben wird.“ Er halte das Bildungszentrum (Hölderlinhaus, Schloßbergschule und Musikschule) für unverzichtbar, weil damit auch die Innenstadt, insbesondere die Neckarsteige, ins Blickfeld rücke und ein Signal erhalte. Damit werde dem Architektenwettbewerb nichts vorweggenommen. Hölderlin, so Siebert weiter, habe unzweifelhaft seine Bedeutung. Bei der Umgestaltung des Hölderlinhauses stehe für ihn aber die Nutzbarkeit für VHS sowie Kultur-, Schul- und Sportamt im Vordergrund. „Wenn die Sattler-Sammlung reinpasst, dann kommt sie rein, und wenn nicht, dann nicht“, vertrat Siebert seinen Standpunkt. CDU-Fraktionschef Kunzmann sprang Siebert zur Seite. Die Unterbringung von VHS und Kultur- und Schulamt habe für ihn auch Vorrang. Kunzmann konnte die Aufregung indes nicht ganz verstehen. „Wir werden weder 2011 noch 2012 mit dem Bau anfangen.“ Denn Nürtingen habe weder eine Druckerpresse noch einen Goldesel. Mancher Gemeinderat, so Kunzmann, werde sich angesichts der Schulden und der Zinslast noch verwundert die Augen reiben.

Jürgen Gairing kritisiert den Schlingerkurs der Verwaltung

„Das Sattler-Archiv muss bei der Ausarbeitung der architektonischen Möglichkeiten auf jeden Fall berücksichtigt werden“ steht für Jürgen Gairing (FDP/Liberale Bürger) fest. Diese Sammlung dürfe keine Randerscheinung sein. Er befürchtet, dass Hölderlin wieder einmal stiefmütterlich behandelt werden soll, und kritisierte den Schlingerkurs der Verwaltung.

Jan Brodbeck (CDU) verstand die Aufregung nicht ganz. Auch er setzte sich jedoch kritisch mit der Formulierung des Beschlussvorschlags auseinander. Er habe den Satz ein paar Mal lesen müssen, um ihn überhaupt zu verstehen. Letztlich, so Brodbeck, wolle man sich doch nur alle Optionen für die Unterbringung offen halten. Siebert gab sich schließlich geschlagen und verzichtete auf eine Abstimmung über den zweiten Teil des Beschlussvorschlages. Er kündigte allerdings eine getrennte Beratung zum Thema Bildungszentrum am Schloßberg in einer der nächsten Sitzungen an.

Diesen Buchbestand aus dem Sattler-Archiv würde der Verein Hölderlin-Nürtingen gerne nach Nürtingen holen und im Hölderlinhaus präsentieren. Foto: privat

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